Elin Nesje Vestli – Brief einer Leserin (26)

Über das Kursbuch bin ich Ende der 1980er-Jahre im wahrsten Sinne des Wortes gestolpert. Als Germanistikstudentin an der Universität Oslo fand ich in einem Kellerarchiv durch Zufall alte Jahrgänge und fing im Stehen – gelockt von den charakteristischen Covern – zu lesen an. Der Zufallsfund regte damals mein Interesse für die politische Literatur der 1960er-Jahre. Seitdem bin ich Kursbuch-Leserin, wenn auch – zugegeben – nur sporadisch. Vor ein paar Wochen bin ich über Maxim Billers Erzählung »Max in Palästina« aus Kursbuch 198 gestolpert und gleich hängen geblieben. Meine Begeisterung über den Text habe ich sofort auf Twitter kundgegeben. Darauf ist, wie es auf Twitter nun einmal funktioniert, ein anderer Twitterer eingegangen und hat den spielerischen Titel »Heimatt« mit einem Zwinkern als Tippfehler moniert. Das Wortspiel Heimat – Heimatt ist mir erst dann, peinlich spät, aufgefallen. Zuerst habe ich jedoch nicht an Ermattungserscheinungen gedacht, sondern spontan norwegisch gelesen. Wohl kaum vom Kursbuch beabsichtigt (nicht einmal in der Kursbuch-Redaktion sind, nehme ich an, Norwegischkenntnisse sehr verbreitet), aber »Heimatt« ist tatsächlich ein norwegisches Wort. Um genau zu sein: ein neunorwegisches Wort. Norwegen ist mit drei offiziellen Schriftsprachen gesegnet: Mit den beiden Standardvarianten »bokmål« (»Buchsprache«, aus dem Dänischen entstanden, das lange Verwaltungssprache war) und »nynorsk« (»Neunorwegisch«, Mitte des 19. Jahrhunderts vom Sprachwissenschaftler Ivar Aasen entwickelt), dazu kommt Samisch. Auch davon ausgehend könnte man nun lange über Heimat mit einem und zwei »t« nachdenken. Das norwegische »heimatt« beziehungsweise »heim« ist der deutschen Heimat natürlich etymologisch verwandt, schließt aber eine Rückkehr mit ein: Wenn man nach Hause zurückgekehrt ist, ist man »heimattkomen«. Man ist nicht nur »heime« (oder »hjemme«, wenn man »bokmål« schreibt), also zu Hause beziehungsweise daheim, sondern nochmals heimgekehrt, aus welchem Grund auch immer. Matt, mit zweimal »t«, kann man übrigens auch auf Norwegisch sein. Auch wegen zu viel Heimat. […]

Elin Nesje Vestli, geb. 1961, ist Professorin für deutschsprachige Literatur an der Hochschule Østfold in Norwegen. In Kürze erscheint „Exploring Identity in Literature and Life Stories. The Elusive Self“.