Armin Nassehi & Peter Felixberger: Editorial der Herausgeber

Das Kursbuch ist wieder da. Das Kursbuch war, 1965 gegründet von Hans Magnus Enzensberger, einst der zentrale Ort des Diskurses, der Kritik, des Tabubruchs, des unergründlichen Gedankens und der intellektuellen Debatte der alten Bundesrepublik. Das Kursbuch war der Ort, an dem Themen diskutiert wurden, für die es sonst kein Forum gab. Das Kursbuch war die Stimme einer Generation, die darum bemüht war, Themen, Herausforderungen und Fragen zu etablieren, für die es sonst keinen Ort gab. Das Kursbuch war eine Institution. Es war das Vehikel einer linksliberalen Denkungsart, die sich sowohl der Radikalisierung von links verweigert als auch der Vereinnahmung durch Normalisierung entzogen hat. Das Kursbuch war das Forum, das endlich thematisiert hat, worüber anderswo geschwiegen wurde. Das Kursbuch hat die alte Bundesrepublik moderner gemacht. Das Kursbuch hat getan, was an der Zeit war.

Das neue Kursbuch ist anders – und doch will es wieder ein Ort sein, an dem das geschieht, was an der Zeit ist. Es ist anders, weil es nicht mehr darum kämpfen muss, Thesen gegen das Schweigen zu behaupten, Fragen gegen ihre Tabuisierung durchzusetzen. Inzwischen wird alles thematisiert und gefragt, was möglich ist, vielleicht sogar mehr. Was aber ist nun an der Zeit?

Das neue Kursbuch wird sich womöglich mit denselben Themen beschäftigen, die sich auch das alte Kursbuch vorgenommen hatte. Die entscheidende Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist aber nicht mehr, gegen die Hegemonie eines herrschenden Paradigmas eine andere Perspektive zu setzen, in der Hoffnung, die Hegemonie zu brechen.

Was wir heute erleben, ist gerade das Scheitern hegemonialer, einheitlicher Perspektiven und Problembeschreibungen. Es ist kein Zufall, dass das Kursbuch gerade jetzt wieder da ist. Mit der Krise der Finanzmärkte ist nicht nur viel Geld vernichtet worden. Vernichtet wurde vor allem jenes Narrativ, das womöglich den letzten hegemonialen Anspruch hatte: so zu tun, als sei ausgerechnet das Geld die realste aller Realitäten und als ließen sich alle Probleme der Gesellschaft ökonomisch lösen. Letztlich ist es dem neoliberalen Narrativ der Selbststabilisierung des Geldverkehrs gelungen, alle anderen Perspektiven auf die Gesellschaft, die nach den Bedingungen des Ökonomischen gefragt haben, die Zweifel an den Rendite- und Problemlösungsversprechen hatten, die brav die volkswirtschaftliche Funktion der Finanzwirtschaft betont haben, geradezu lächerlich aussehen zu lassen – als Angsthasen und Risikovermeider, als naive Konservative und so weiter. Diese hegemoniale Zentralperspektive hat sich gründlich desavouiert. Das neue Kursbuch tritt exakt in dem Moment an, in dem die Komplexität und Perspektivendifferenz der modernen Gesellschaft nicht mehr nur in akademischen Hauptseminaren auffällt, sondern zum täglichen Begleiter wird, zum Vademekum des Zeitungslesers, zum Trabanten öffentlicher Debatten. Die Finanzkrise und die daraus resultierende Krise der Staaten, die auch an die grenzenlose Problemlösungskompetenz der Geldmärkte geglaubt haben, ist nicht der Ausgangspunkt des neuen Kursbuchs, sondern der Katalysator für neue Fragestellungen und ein neues Forum, das wie das alte Kursbuch das auf den Punkt bringen will, was an der Zeit ist.

So lautet der Ausgangspunkt des neuen Kursbuchs: Wenn es ein Signum der gegenwärtigen modernen Gesellschaft gibt, dann ist es dies: Die Gesellschaft lässt sich nicht mehr aus einer Zentralperspektive her denken – und damit auch nicht aus einer Gegenperspektive, was das Geschäft der Kritik, der Reflexion, der Analyse schwieriger macht. Es ist keine gemeinsame Perspektive, kein Konsens, kein Fluchtpunkt mehr denkbar, den angemessen zu erreichen die Kritik und das Kritisierte miteinander streiten – nicht einmal ein gemeinsamer Dissens.

Unsere heutige Erfahrung ist eher die, dass die Gesellschaft nicht nur aus unterschiedlichen Perspektiven besteht, sondern dass diese unterschiedlichen Perspektiven auch mit dem besten Willen nicht hin zu einer richtigen oder einer legitimen und alternativlosen Seh- und Sprechweise hin aufgehoben werden können.

Fast jede gesellschaftliche Herausforderung – ob es um Krisen vielfältiger Art geht, ob es um technologische Lösungen für Probleme geht, ob es um Führung und Organisationen, um das gute Leben oder seinen Sinn geht – erscheint heute aus je unterschiedlichen Perspektiven je unterschiedlich. Das war schon immer so – aber die Differenz der Perspektiven wird nun als ebenso unvermeidlich wie legitim an- gesehen. Kann man immer noch behaupten, dass eine politische Perspektive besser ist als eine wirtschaftliche? Dass Wissenschaft es stets besser weiß als alle anderen? Dass Religion und Kunst tatsächlich nur Beiwerk sind? Dass Moral stets gut ist oder ethische Gründe immer die besseren Gründe ins Feld führen? Dass sich unterschiedliche poli- tische, ökonomische, wissenschaftliche oder ästhetische Entscheidungen notwendigerweise kategorial ausschließen? – Man kann schon, wird aber die ganz praktische Erfahrung machen, dass andere Perspektiven mit ihren eigenen Geltungsansprüchen und Erfolgskriterien darauf reagieren.

Das sind nicht nur neue Fragen. Es sind vor allem ganz neue Konstellationen. Die frühere linke Idee der Kritik bestand darin, die herrschende Fragerichtung durch eine andere Fragerichtung zu ersetzen, um zu Lösungen zu kommen. Das war dort nötig, wo es gelingen konnte, hegemoniale Diskurse zu etablieren, gegen die nichts anderes half als die Umkehrung, die Kritik, die letztlich revolutionäre Energie der Umwälzung der Verhältnisse. Es war die Zeit der Hauptwidersprüche.

Diese Gesellschaft ist heute eine Gesellschaft, in deren unterschiedlichen Gegenwarten sich je gegenwärtige Lösungen ausprägen – unübersetzbar in andere Perspektiven, damit aber stets aufgefordert, sich in andere Perspektiven zu übersetzen. Diese Gesellschaft ist eine diskontinuierliche Gesellschaft – sie folgt nicht mehr dem bürgerlichen Ideal einer gesellschaftlichen Gegenwart. Sie ist vielmehr eine »Gesellschaft der Gegenwarten«, die ihre Geltungsansprüche, Bedeutungen und Lösungskonzepte mit den Kontexten wechselt – und darin eine ihrer effektivsten Dynamiken entdeckt. Es ist eine Gesellschaft, die nicht einmal mehr an die großen Ideen ihrer früheren Selbstbeschreibungen glaubt – sie ersetzt Ideen und Ideologien durch Kommunikation, sprich: durchs Weitermachen, durch Zustandsdeterminiertheit. Es geschieht, was geschieht, daraus gibt es kein Entrinnen.

Wir sind freilich immer noch daran gewöhnt, dass es für Probleme richtige Lösungen gibt und für Ziele richtige Strategien. Unsere Denkweisen gehen immer noch von der Idee aus, dass sich gute Gründe dann durchsetzen werden, wenn sie auf entgegenkommende Bedingungen einer konsistenten, möglichst rationalen Umwelt treffen. Aber diese Gesellschaft ist eben nicht aus einem Guss, sondern ganz im Gegenteil: Sie ist vor allem dadurch geprägt, dass sich unterschiedliche Rationalitäten mit ganz unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten gleichzeitig nebeneinander etablieren. Wer das nicht sieht, bleibt bei hegemonialen Strategien – wie wir etwa in der Wechselseitigkeit von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft angesichts der Finanzkrise gut beobachten können.

Je disparater aber diese Hegemonen bleiben, desto verbohrter bleiben ihre Kommunikationsreflexe. Jede Perspektive versucht dann nur noch, einen einzigen Lösungsschirm aufzuspannen, um darunter Argumentations- und Erörterungsschutz vor den anderen zu bieten. Doch das Streben nach einer eindeutigen Lösungswahrheit führt nur zu anschwellenden Stabilisierungsgesängen unter den Schirmen.

Die Zumutung von Hauptwidersprüchen und eindeutigen Lösungsstrategien hat vor allem moralisch induzierte Kritik auf den Plan gerufen, sie hat sich deutlich und klar politisch verortet, sie wusste, wie es geht, weil sie selbst in der Eindimensionalität ihrer Hauptwidersprüche gefangen war. Nicht umsonst bezweifeln heute klügere linke Intellektuelle wie zum Beispiel Ernesto Laclau und Chantal Mouffe sogar die Möglichkeit der Gesellschaft, da sich kein zentraler Antagonismus mehr ausmachen lässt. Klüger ist diese Perspektive, weil sie die unrealistische Konzentration auf den einen Hauptwiderspruch nicht durch Moral ersetzt, sondern wenigstens einen Phantomschmerz spürt. Schon das Kursbuch der 1960er-Jahre war von diesem Phantomschmerz geprägt. Es gehörte – schon vor 1968! – zu seiner Programmatik, nicht immer schon genau zu wissen, wie sich Lösungen ableiten und deduzieren lassen. Enzensberger hat weniger die Welt, sondern vor allem die Wahrnehmung der Welt revolutionieren wollen. Henning Marmulla, der die frühen Jahre des Kursbuchs analysiert hat und auch in diesem ersten Heft des neuen Kursbuchs schreibt, spricht von einer »Wahrnehmungsrevolution«.

 München / Hamburg, im Februar 2012, aus dem Editorial von Armin Nassehi & Peter Felixberger

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