Dorthe Nors – Der Buddhist

Eine Erzählung

Bevor der Buddhist Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk wurde, war er ein gewöhnlicher Christ und Beamter im Außenministerium. Er schrieb die Reden des Außenministers und legte ihm gewissermaßen die Worte in den Mund. Es war eine Form der Lüge, doch anfangs störte ihn das nicht. Dann ging es ihm jedoch nahe, weil er entdeckt hatte, dass er Buddhist war. Diese Erkenntnis überkam ihn allerdings nicht von heute auf morgen. Eher war es so, dass der Buddhist als Idee auf leisen Sohlen heranschlich und sich in ihm festsetzte, kurz nachdem seine Frau sich hatte scheiden lassen wollen. Der Buddhist kam zu ihm ins Büro und nahm auf der anderen Seite seines Schreibtischs im Außenministerium Platz.

Er sah sich den Buddhisten an und dachte: Eigentlich ein gutes Format, um beizutreten. Buddhisten sind gute Menschen. Sie sind tiefgehender als die meisten. Buddhisten können Zusammenhänge erkennen, die andere nicht sehen. Alles Eigenschaften, die er von sich kannte, die er aber gern verbessert hätte, so wurde er Buddhist. Wäre er nicht Buddhist geworden, hätte die Scheidung ihn weit mehr geschmerzt, aber als Buddhist gewinnt man seine Einsichten durch Schmerzen. Je schmerzhafter es ist, desto klüger wird der Buddhist, dachte der Beamte und trat aus der Kirche aus. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 179)

Dorthe Nors, geb. 1970, lebt und arbeitet als Schriftstellerin in Dollerup, Dänemark. Zuletzt erschien „Handkantenschlag“. Für den Abdruck im Kursbuch: Copyright © Dorthe Nors 2008. Published by agreement with Ahlander Agency.

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