Dirk von Gehlen – Heimat hacken

“Heimat ist da, wo sich das WLAN automatisch verbindet”, bekunden Digital Natives. Auch der Journalist Dirk von Gehlen unterschreibt das in seinem Essay in Kursbuch 198 und bezieht sich damit weniger auf ein vermeintlich erinnerungsfähiges Endgerät, sondern diskutiert am Internet eine neue Form eines Heimatkonzepts. Das Internet hat das Potential, uns Heimat gegen jede Form der Ausgrenzung zu begreifen zu lassen. Als Netzwerk der Netzwerke steht es paradigmatisch für Austausch und gegen jede erdenkliche Form der Abgrenzung.

Dirk von Gehlen, geb. 1975, ist Journalist und Autor sowie Leiter der Abteilung Social Media/Innovation der Süddeutschen Zeitung. Zuletzt erschien Gebrauchsanweisung für das Internet.


Textauszug

»Heimat erhalten«. Diesen Slogan hat die Alternative für Deutschland (AfD) groß auf ihr Wahlplakat geschrieben. Offenbar gibt es ein Problem mit dem nicht weiter definierten Begriff. Die Heimat scheint in keinem guten Zustand zu sein, ihr Erhalt infrage zu stehen. Sie ist of­fensichtlich bedroht, und diese Probleme mit der Heimat stehen offenbar in einer Verbindung mit der belgischen Hauptstadt. Jedenfalls ist im oberen Drittel des Plakats die Frage notiert: »Geht’s noch, Brüssel?«

Das Plakat stammt aus dem Europawahlkampf der AfD. Es ist ein Symbol für das Erstarken rechtsnationaler politischer Parteien überall in Europa. So wirkt es jedenfalls auf den ersten Blick: Es kann als weiterer Beweis dafür gesehen werden, wie der kaum definierte Begriff Heimat dazu beigetragen hat, eine Politik der Abgrenzung und der Nationalis­men zu fördern: Kann man die Forderung »Heimat erhalten« nicht auch in Italien, Polen, Ungarn und Schweden lesen? In unterschiedlichen Sprachen, aber in gleichem Duktus – als Schlagwort gegen die Idee von Verbindung und von Europa, als Rückzugsbewegung gegen die beschleu­nigte Gegenwart. »Geht’s noch, Brüssel?«, fragen die Heimatverteidiger in vielen Ländern Europas und in anderer Ausrichtung auch außerhalb des Kontinents. Sie nutzen den Begriff, um ein verklärtes Bild der Ver­gangenheit zum politischen Programm zu erheben. Und sie sind damit erstaunlich erfolgreich. Im Wirtschaftsmagazin Economist war deshalb unlängst sogar von einem »Ausbruch der Nostalgie« zu lesen, der die Welt erfasst habe. Von den USA über China, von Mexiko über Brasilien bis vor allem nach Großbritannien beobachtet das Magazin eine »Or­gie der Reminiszenz«. Und deren wichtigster Treiber scheint etwas zu sein, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat«. So definierte Ernst Bloch am Ende von Prinzip Hoffnung den Begriff, dessen Konjunktur in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass nun sogar am Kabinettstisch jemand sitzt, der sich um die Heimat kümmert. Zum Aufgabenbereich des Bundesministeriums des Inneren gehört seit 2018 nicht mehr nur Bauen, sondern eben auch gleich die Heimat. Dabei scheint es vor allem darum zu gehen, das wohlige Ge­fühl aus der eigenen Kindheit auf die oberste politische Ebene zu heben. Dort sitzt es und soll den Eindruck erwecken, man könne die Welt an­ halten und ihren Lauf zurückdrehen. Das wohlige Gefühl soll diejenigen repräsentieren, die Zukunft nicht gestalten, sondern Vergangenheit verteidigen wollen. […]