Diedrich Diederichsen – Magic and Lies

Über Religion und Pop-Musik

Nach dem Verhältnis von Pop-Musik und Religion werde ich gefragt, ich vermute, weil sich da etwas geändert hat. 

Religion hat das Opium- und Eskapismus-Stigma verloren und gilt heute als gesellschaftsbildende, womöglich auch gesellschaftskritische Kraft: Die jeweiligen Inhalte mögen noch so bescheuert sein, der Respekt wenigstens vor den Marginalisierten und Ausgegrenzten unter denen, die diese vertreten, verbietet eine vorschnelle Diskreditierung – so das eine Argument. Die Legitimationsressourcen von Religion lassen sich nicht so leicht vermarkten und kommodifizieren – so ein anderes. Die Wende, die man hier in letzter Zeit beobachten kann, besteht also darin, dass ehemals oder auch immer noch klar als Linke identifizierbare und somit gewohnheitsgemäß einer atheistischen Position zugeordnete Personen ein Ernstnehmen oder Neubedenken der politischen Rolle von Religionen und Religiosität fordern. Sie entdecken in der Religion eine Quelle politischer Ethik, die weiter trägt als eine rationale Ableitung der Verhältnisse.

Einige gehen so weit, einem religiös gewussten Tatbestand die gleiche Berechtigung zuzubilligen wie einer politischen Überzeugung. Eine (als letzte) übrig gebliebene, außerökonomische Ethikquelle kann zu einem Partner für ökonomiekritisches politisches Handeln und Denken werden, etwa, wenn er jenseits des unmittelbaren staatlichen Einflusses Kirchenasyl anbietet. Darüber hinaus gibt es Figuren wie Alain de Botton, die den Religionen die Ermöglichung bestimmter auch weltlich und politisch nützlicher Denkfiguren zusprechen, die man gebrauchen kann, auch ohne an die übersinnlichen Quellen zu glauben. Schließlich leben wir in der Nachfolge des Kalten Krieges in einer neuen überformenden ideologischen Dichotomie, die mal als eine zwischen Islam und Westen oder auch als eine zwischen Fanatismus und Vernunft verhandelt wird, die natürlich gerade die politische Vernunft dazu anregt, diesen simplifizierenden und mythischen Antagonismus auseinanderzunehmen. (…)

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Diedrich Diederichsen, geb. 1957, ist Kulturwissenschaftler, Journalist und Autor und lehrt als Professor für Theorie, Praxis und Vermittlung von Gegenwartskunst an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschien „Körpertreffer. Zur Ästhetik der nachpopulären Künste“.