Boris Groys: Die Wahrheit der Kunst

Die wesentliche Frage, die sich uns zur Kunst stellt, lautet: Kann Kunst ein Medium der Wahrheit sein? Diese Frage ist wesentlich für die Exis­tenz und das Überleben der Kunst. Denn wenn Kunst kein Medium der Wahrheit sein kann, dann ist sie nur eine Sache des Geschmacks. Die Wahrheit muss man akzeptieren, selbst wenn sie einem nicht ge­fällt. Doch wenn die Kunst nur eine Sache des Geschmacks ist, dann wird der Betrachter wichtiger als der Produzent. In diesem Fall kann die Kunst nur soziologisch oder unter Aspekten des Kunstmarkts be­trachtet werden – sie hat keine Eigenständigkeit und keine Macht. Kunst wird gleichbedeutend mit Design. (…)

Wenn die Künstler tatsächlich die Welt verändern wollen, stellt sich die folgende Frage: In welcher Weise vermag Kunst die Welt, in der wir leben, zu beeinflussen? Grundsätzlich sind zwei Antworten auf diese Frage möglich. Die erste Antwort: Kunst kann die Fantasie anregen und das Bewusstsein der Menschen verändern. Wenn das Bewusstsein der Menschen sich verändert – dann werden diese veränderten Men­schen auch die Welt verändern, in der sie leben. In diesem Fall wird Kunst als eine Art Sprache verstanden, die es dem Künstler erlaubt, eine Botschaft zu verbreiten. Und diese Botschaft ist darauf angelegt, die Seelen der Empfänger zu erreichen und ihre Sensibilität, ihre Geis­teshaltung und ihre moralischen Überzeugungen zu verändern. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 184)

Boris Groys, geb. 1947, ist seit 1994 Professor für Kunstwissenschaft, Philosophie und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, seit 2005 Global Distinguished Professor an der Faculty of Arts and Science, New York University, außerdem Senior Scholarship des Courtauld Institute of Art London und Mitglied der Association Internationale des Critiques d’Art (AICA).

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