Krisztina Koenen: Die Freiheit, die sie meinten

Eine schnelle Wende zum Besseren im Verhältnis zwischen Ost und West erwarte ich persönlich nicht. Nichts wird leichter werden. Das Trennende ist geblieben, auch wenn die Mauern gefallen und die Armeen abgezogen sind. Es sind ja nicht erst die letzten 45 Jahre gewesen, die die schroffe Grenze zwischen Osten und Westen entstehen ließen. Probleme und Mentalitäten sind nicht erst seit 1945 verschieden. Schon gruselt es die friedliebenden Westler, was hier aus den Karpaten zu ihnen herüberströmt. Kaum sind die Russen abgezogen, brechen atavistisch anmutende Konflikte auf: Serben gegen Kroaten, Slowaken gegen Tschechen, Rumänen gegen Ungarn. Schon sind die ersten nostalgischen Töne nicht mehr zu überhören, wie schön es doch war, als man sich noch auf die Russen als Ordnungsmacht im Osten habe verlassen können. Und, ich will es nicht verhehlen, auch ich bin nicht nur glücklich über das jähe Ende. (…)

Aus: Kursbuch 102, »Mehr Europa«, 1990, S. 21 f.

»Ungarsein ist heute schon wie Algeriersein« – welch prophetische Worte, die ich da 1990 für meinen Kursbuch ­Beitrag wählte. Ich will nicht behaupten, den Aufstieg Viktor Orbáns zum Ministerpräsidenten auch nur im Geringsten vorhergeahnt zu haben – und damit einhergehend den Untergang der ungarischen Republik zu einem armen und unangenehmen Land. Niemand konnte das vorhersehen, und es gab keine Notwendigkeit dafür, dass es so kam. Aber die Möglichkeit, dass die frisch gewonnene Freiheit nicht unbedingt zu einem freiheitlichen Rechtsstaat westlichen Typs führen würde, war gegeben. Wer damals nicht erneut mit ideologisch verschleiertem Blick durch Ungarn lief, konnte registrieren, dass Strömungen da waren, die eine andere mögliche Entwicklungsrichtung andeuteten. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 182)

Krisztina Koenen, geb. 1947, ist Publizistin. Zuletzt erschien »Feinde, überall Feinde – die Welt, wie sie Orbán Viktor sieht.«

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