Anne Wizorek: Der Rückzug ins Private ist gefährlich

Meine Generation ist vor allem eins: beschäftigt. Wir sind das kleine weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland, das stets in der Angst durch die Gegend huscht, irgendwo zu spät zu kommen und damit nicht alles zu schaffen. Wir sind »busy«. Und wenn wir nicht gerade »busy« sind, dann sind wir »müde«, weil uns das ständige Beschäftigtsein zu viel Kraft kostet. Meistens gibt es da noch nicht mal ein Entweder (»busy«) und ein Oder (»müde«). Vielleicht müssten wir also einfach davon sprechen, dass wir, nun ja, »müsy« sind?

»Generation müsy« hieße es dann in den dazugehörigen Schlagzeilen, statt »Generation Y«. Nun liegt es mir natürlich fern, den nächsten seltsamen Trendbegriff in die Welt zu setzen, der in entsprechenden Artikeln zu Tode analysiert wird. Denn egal, wie unsere Zustandsbeschreibung am Ende genannt wird: Die Geschwindigkeit im gefühlten Hamsterrad unseres Alltags nimmt nicht ab, sondern zu. Das ist Fakt. Wir sind ausgelaugt. Wir bräuchten alle Winterschlaf. Oder mindestens Urlaub. Geradezu exemplarisch zeigt sich das jedes Mal am Ende eines Jahres, wenn wir auf die Zeit »zwischen den Jahren« hinfiebern, die dort immer wie eine kleine Oase auf uns wartet. Bei Weitem nicht alle, aber immerhin einige bekommen dann eine Pause per Feiertag
verordnet. »Dann kann ich endlich mal XYZ machen.« Und plötzlich sind es schon wieder so viele XYZ, dass das Wort »Freizeitstress« in den Sinn kommt. Allein dass es dieses Wort gibt, verursacht jedes Mal Gänsehaut.
Die To-do-Liste ist unsere Freundin und Feindin zugleich. (…)

Anne Wizorek, geb. 1981, ist Beraterin für digitale Medien und Initiatorin des Hashtags #aufschrei, der eine Debatte über Alltagssexismus angestoßen hat und 2013 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien »Weil ein Aufschrei nicht reicht. Für einen Feminismus von heute.«

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