Jochen Oltmer: Der lange Marsch

Der Mensch der Vormoderne war ebenso wenig grund­sätzlich sesshaft wie der Mensch der Moderne. Einen Mythos bildet auch die Auffassung, in der Vergangenheit habe Migration einen linearen Prozess dargestellt – von der dauerhaten Abwanderung aus einem Raum zur dauerhaften Einwanderung in einen anderen: Rückwande­rungen, Formen zirkulärer Migration und Fluktuationen kennzeich­nen die lokalen, regionalen und globalen Wanderungsverhältnisse in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Weder heute noch früher gingen Migranten in eine völlig unbekannte Fremde, vielmehr bildet die Bewegung innerhalb von Netzwerken ein tragendes Element der Geschichte und Gegenwart von Migrationen. (…)

Herkunftsräume und Zielgebiete von Migration waren mithin in der Regel über Netzwerke – Verwandtschaft, Bekanntschaft, Herkuntsge­meinschaften – miteinander verbunden. Loyalität und Vertrauen bildeten zentrale Bindungskräfte solcher Netzwerke. Die Bedeutung der Infor­mationsvermittlung mithilfe verwandtschaftlich ­bekanntschaftlicher Netzwerke kann nicht überschätzt werden: Mindestens 100 Millionen private »Auswandererbriefe« sind beispielsweise zwischen 1820 und 1914 aus den USA nach Deutschland geschickt worden und kursierten in den Herkunftsgebieten im Verwandten­ und Bekanntenkreis. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 183)

Jochen Oltmer, geb. 1965, lehrt Neueste Geschichte am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück. Zuletzt erschien »Globale Migration. Geschichte und Gegenwart«.

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Anmerkungen und weiterführende Literatur:

Oltmer, Jochen: Globale Migration. Geschichte und Gegenwart. München 2012.
Münz, Rainer et al.: Zuwanderung nach Deutschland. Frankfurt am Main 1997, S. 35–42.
Helbich, Wolfgang et al. (Hg.): Briefe aus Amerika. Deutsche Auswanderer schreiben aus der Neuen Welt 1830–1930. München 1988.
Hoerder, Dirk; Lucassen, Jan; Lucassen, Leo: »Terminologien und Konzepte in der Migra­tionsforschung«. In: Bade, Klaus J. et al. (Hg.): Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. 3. Aul. Paderborn 2010, S. 28–53, hier S. 35.
Boogaart, Ernst van den; Emmer, Pieter C.: »Colonialism and Migration«. In: Emmer, Pieter C. (Hg.): Colonialism and Migration. Indentured Labour before and Ater Slavery. Dordrecht 1986, S. 3–17, hier S. 3.
Schmitt, Eberhard: »Globalisierung der Erde? Gedanken über die europäische Expansion und ihre Folgen«. In: Denzel, Markus A. (Hg.): Vom Welthandel des 18. Jahrhunderts zur Globalisierung des 21. Jahrhunderts. Stuttgart 2009, S. 15–24, hier S. 19 f.
Bade, Klaus J.: Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München 2000, S. 121–168.
Amenda, Lars: »Globale Grenzgänger. Chinesische Seeleute und Migranten und ihre Wahr­nehmung in Westeuropa 1880–1930«. In: Werkstatt Geschichte. Essen 2009, S. 7–27.
Koller,Christian:»The Recruitment of Colonial Troops in Africa and Asia and their Deployment in Europe during the First World War«. In: Immigrants & Minorities 26 (2008), S. 111–133.
Smith, Andrea L. (Hg.): Europe’s Invisible Migrants. Amsterdam 2003.
Schönwälder, Karen: Einwanderung und ethnische Pluralität. Politische Entscheidungen und öffentliche Debatten in Großbritannien und der Bundesrepublik von den 1950er bis zu den 1970er Jahren. Essen 2001, S. 367–495.

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