Deniz Yücel – Und morgen die ganze Türkei

Der lange Aufstieg des Recep Tayyip Erdoğan

Die Story war einfach zu gut, um ihr nicht zu verfallen: Da kommt einer aus kleinen Verhältnissen, aus einer rauen, proletarischen Gegend wie dem alten Istanbuler Werftenviertel Kasımpaşa und legt sich mit den alten Machthabern an. Mehr noch, es ist einer aus dem frommen und armen Teil der Gesellschaft, der seit den Tagen der Republikgründung be­lächelt, marginalisiert oder gar bekämpft wurde. Ein »schwarzer Türke«, wie er sich selber bezeichnet, ein Wort der Soziologin Nilüfer Göle aufgreifend, die die ungebildeten, religiösen Unterschichten einerseits und die säkulare, wohlhabende Oberschicht andererseits als »schwarze und weiße Türken« bezeichnet hatte.

So einer also vollbringt ein wahres Wunder: Er versöhnt nicht nur das Milieu, dem er entstammt – den politischen Islam –, mit der Demokratie; er erweist sich zudem als verlässlicherer Demokrat als jene Eliten, die jahrzehntelang das Sagen im Land hatten. Und nebenbei zer­rupft er Samuel Huntingtons viel zitierte These vom clash of civilizations in so bestechender Weise, wie nur das Leben selbst die Irrtümer der Theorie offenlegen kann. Die Rede ist von Recep Tayyip Erdoğan, ab 2003 Regierungschef und seit 2014 Staatspräsident der Türkei.

Ein Hoffnungsträger namens Erdoğan   Bei Rainer Hermann zum Beispiel, dem langjährigen Korrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Istanbul, klang das in seinem 2008 erschienenen Buch Wohin geht die türkische Gesellschaft? so: »Die ›weißen Türken‹ hören Bachs ›Wohltemperiertes Klavier‹, gehen in Mozarts Così fan tutte, veranstalten Silvesterbälle. Ihnen fühlen sich die meisten Europäer nahe, zumal die ›weißen Türken‹ auch Fremd­spra­­chen beherrschen. Die ›weißen Türken‹ huldigen indes einem autoritä­ren und undemokratischen Politikverständnis. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 188)

Deniz Yücel, geb. 1973, ist Türkei-Korrespondent der Welt. Zuletzt erschien „Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei“.

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