Daniela Roth – Für jedes Volk ein Wartesaal

Afrika und seine Megastädte

Einen Stadtplan? Straßennamen? Hausnummern? Das gibt es in afrikanischen Städten weitenteils nicht. Man orientiert sich an markanten Gebäuden: einem bekannten Laden, einer Kneipe, einer Kirche, einer Tankstelle. Man kennt sich aus im Viertel, das nicht unbedingt der »Kiez« ist. Es ist eher wie auf dem Dorf. Oft laufen auch Ziegen und Hühner frei umher und suchen im Abfall ihr Futter. Afrikaner eignen sich die Welt über soziale Beziehungen an. Im Viertel, dem »Quartier«, kennt man alle, darüber hinaus, in der großen Stadt, kennt man vielleicht keinen mehr.

Der Schweizer Al Imfeld sieht die afrikanische Stadt als eine Ansammlung von Dörfern (oder Slums). Er entwarf ein Konzept der »AgroCity« für Afrika,[1] eine Verbindung von Stadt und Land, die auf die »agrarisch geprägte Mentalität« der ehemaligen Dorfbewohner zielt. Er konstatierte: Die Menschen denken agrikulturell und nicht urban. Max Weber beschrieb das Entstehen der europäischen Stadt im Zusammenhang mit dem Entstehen des Bürgertums: Der Bürger löste sich aus religiösen, verwandtschaftlichen und feudalistischen Abhängigkeiten und verbrüderte sich als solchermaßen Freier mit anderen durch eine »Schwurgemeinschaft« zur Bürgerschaft der Stadt.[2] Den »losgelösten« Bürger findet man auf dem afrikanischen Kontinent selten.

Die Menschen in Afrika ziehen vom Land an den Rand der Metropolen. Nirgendwo in der Welt ist die Verstädterungsdynamik so ausgeprägt wie in Afrika südlich der Sahara, wo große Städte jedes Jahr um mehrere Hunderttausend Einwohner wachsen. Über 60 Prozent der Bevölkerung haben das Land verlassen. Das verändert den Charakter der Städte und der Dörfer. In manchen Dörfern leben nur noch Alte und Kinder, die Erwerbsfähigen sind Richtung Stadt gezogen. (…)

[1]    Al Imfeld: AgroCity. Die Stadt für Afrika. Zürich 2017.
[2]    Walter Siebel: Die Kultur der Stadt. Berlin 2015, S. 42.

(weiterlesen im Kursbuch 190)

Daniela Roth, geb. 1970, ist Kunsthistorikerin und Soziologin mit dem Schwerpunkt Länder Afrikas. Zuletzt erschien „Romuald Hazoumè. Mister Kanister und die orale Postmoderne“.

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