Cordula Kropp – Urban Gardening

Grüne Nischen als Strukturwandel von unten

Keine der gegenwärtigen Auseinandersetzungen um zukünftige Heraus­forderungen kommt ohne den Hinweis auf die rasch voranschreitende Verstädterung und die Diagnose aus, dass schon heute mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt und es 2050 sogar mehr als zwei Drittel sein werden. Weltweit dehnen sich die Städte in ihr Umland aus, nach innen werden sie weiter verdichtet und wachsen in die Höhe. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass die Wertschätzung von grünem Freiraum bei Stadtbevölkerung und auch Stadtplanung steigt. Interessant ist jedoch, dass gerade urbane Gärten und weitere Formen der Lebensmittelproduktion inmitten von Städten auf große Resonanz stoßen. Immerhin stellen sie die alte Selbstverständlichkeit auf den Kopf, dass städtische Räume Orte des Konsums sind, die Lebensmittelproduktion aber immer weiter in die Peripherie abwandert. Dieser Umstand trug zuletzt zur Befürchtung sogenannter food deserts bei, also der Ent­stehung solcher urbanen Gebiete, in denen eine Versorgung mit frischem Obst und Gemüse für große Teile der Bevölkerung kaum mehr möglich ist. Auch Katastrophen wie 9/11 und Fukushima haben die Wahrnehmung für riskante Versorgungsengpässe in Städten wie New York und Tokio geschärft, in deren Umfeld die Lebensmittelproduktion erst Hunderte Kilometer außerhalb ökonomisch rentabel ist. Die sozialis­tische Regierung von Kuba ordnete schon 1991 angesichts der schwieri­gen Versorgungslage die selbst verwaltete, landwirtschaftliche Nutzung von 50 000 Hektar in der Hauptstadt Havanna an: Heute stammen zwei Drittel des konsumierten Gemüses aus 25 000 dort bewirtschafteten ur­banen Gärten.

Was aber war es, das die Berlinerinnen und Berliner im Mai 2014 be­­wog, die Bebauungspläne des 380 Hektar großen Tempelhofer Feldes im Rahmen der Flughafen-Nachnutzung per Volksentscheid zu kippen? Sie lehnten nicht nur die Schaffung von Wohnraum, sondern auch die In­ternationale Gartenausstellung ab, um den Gemeinschaftsgarten »All­mende-­Kontor« und selbst kuratierte Experimentierflächen zu erhalten – nicht staatlich geschaffenes »Begleitgrün«. Dabei ging es nicht um die Sicherung der Lebensmittelversorgung. Vielmehr erfüllen die dort installierten, eigenwilligen Bewässerungs- und Erholungsbauten des Ge­meinschaftsgartens und die über 300 in wieder genutzten Pflanz­be­hält­nissen angelegten Hochbeete einen neuen Anspruch an den öffent­lichen Raum: Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Entwicklung von lokalen Antworten auf Herausforderungen, die durch die zunehmend glo­balen Waren-, Kapital- und Menschenströme entstanden sind. (…)

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Cordula Kropp, geb. 1966, ist Professorin für Umwelt- und Technik­so­ziologie an der Universität Stuttgart. Zuletzt erschien „Nachhaltige I­nnovationen“ (In: Birgit Blättel-Mink et al.: „Handbuch Innovationsforschung“).