Colm Tóibín – Zwei Frauen

Eine Erzählung

Als der Taxifahrer nicht bemerkte, dass die Ampel umgesprungen war, und in einen stumpfen Traum versunken schien, fragte Frances sich, ob es wohl zu unhöflich wäre, ihn darauf hinzuweisen und ihm zu sagen, er solle fahren, sich in Bewegung setzen. Hinter ihnen war kein anderer Wagen, der ungeduldig gehupt hätte; um sechs Uhr morgens war Dublin grau und leer; es war die Stadt, an die sie sich erinnerte und die sie wiederzuerkennen begann, sobald sie die beinahe komisch kurze Schnellstraße hinter sich gelassen hatten und auf der Upper Drumcondra Road waren.

Sie war jetzt überrascht, wie schnell sie nach der Ankunft am Flughafen den Entschluss gefasst hatte, dass sie nie wieder hierherkommen und dies ihr letzter Besuch sein würde. Am Abend zuvor dagegen, am JFK Airport, hatte sie sich dabei ertappt, dass sie sich nach Irland gesehnt und beim Warten am Boardingschalter mit einer irischen Familie geplaudert hatte; der Gedanke, dass diese Menschen zu ihrem Volk gehörten und sie wieder mit ihnen vereint war, hatte sie mit Wärme erfüllt. Doch jetzt, als sie durch die Stadt zu ihrem Hotel gefahren wurde, kam sie sich vor, als bewegte sie sich auf feindlichem Gebiet. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 180)

Colm Tóibín, geb. 1955, ist ein irischer Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Zuletzt erschien „Marias Testament“.

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