Christoph Neuberger – Entfesselte Kontexte

Status und Konsequenz digitaler Öffentlichkeit
Tiefe und Tempo des digitalen Wandels

»Digitalisierung« ist zu einer Allerweltsformel geworden, die in keiner Gegenwartsdiagnose fehlen darf. Sie verspricht, eine Fülle verstreuter Phänomene auf den Begriff zu bringen oder gar auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen – erklärt damit aber alles und nichts. Der Begriff teilt das Schicksal ähnlich umfassend angelegter Trendaussagen wie »Globalisierung«, die ebenfalls leicht zur Worthülse werden.[1] Aber vermutlich müssen solche Begriffe ein Stück weit diffus und damit elastisch bleiben, wenn die Beobachter mitten in einem tief greifenden Wandel stecken, den sie noch gar nicht überblicken können. So sehen wir gegenwärtig nicht, wie weitreichend die Konsequenzen der Digitalisierung sein werden – ob etwa der Vergleich mit der Medienrevolution gerechtfertigt ist, die Johannes Gutenberg vor mehr als einem halben Jahrtausend ausgelöst hat.

Oft variiert der wahrgenommene Veränderungsgrad: Pierre Bourdieu hat in seinem Essay Über das Fernsehen die Illusion des »Noch nie da gewesen« von der Illusion des »Alles wie gehabt« unterschieden, wobei Vertreter der Letzteren stets Parallelen zur Vergangenheit finden und darüber das Neue des neuen Mediums übersehen.[2] Dass die traditionellen Massenmedien die Wucht des bevorstehenden Wandels jahrelang unterschätzt haben, erklärt ihren schlechten Start im Internet. Sie sahen darin zunächst nur eine Fortsetzung von Bildschirm- und Videotext, die in den 1980er-Jahren ohne großen Erfolg eingeführt worden waren. Daher erschien es auch gefahrlos, Artikel kostenlos anzubieten – mit der unerwünschten Langzeitfolge, dass den Nutzern bis heute die Gratismentalität nicht abgewöhnt werden konnte.

Subjektiv biografisch blickt man dagegen mit einigem Staunen zurück, in welch kurzer Zeit und wie plötzlich sich die Dinge verändert haben: die erste E-Mail, der erste Mobilanruf, die erste Skype-Konferenz … Ein schönes Beispiel für den Verblüffungseffekt neuer Medien findet sich im Zauberberg, wo Thomas Mann im Kapitel »Fülle des Wohllauts« die Wirkung des damals neuen Grammofons auf die Bewohner des Sanatoriums Berghof beschreibt. (…)

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Christoph Neuberger, geb. 1964, ist Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Meinungsmacht im Internet und die Digitalstrategien von Medienunternehmen (zusammen mit Frank Lobigs).

[1]        Jürgen Osterhammel: Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart. München 2017.

[2]        Pierre Bourdieu: Über das Fernsehen. Frankfurt am Main 1998, S. 61.

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