Christina von Braun – Anti Genderismus

Über das Feindbild Geschlechterforschung

Die zweifellos größte Veränderung der letzten 40 Jahre auf dem Gebiet von Geschlecht ist das Nachlassen sexueller Eindeutigkeiten. Das hatte einerseits zur Folge, dass auch das männliche Geschlecht in den Fokus der Betrachtung rückte; andererseits verwandelte sich die Frauenforschung zunehmend in Geschlechterforschung – oder Gender Studies. Die Aufhebung der Geschlechterpolarität stößt auf beträchtlichen Wider­stand und führt manchmal zu einer gewissen Blindheit der politischen Analyse. So wurden nach der letzten Bundestagswahl die unterschiedlichen Wahlerfolge der AfD in Ost- und Westdeutschland ausführlich thematisiert, doch der breite Graben, der sich zwischen der männlichen und der weiblichen Wählerschaft der AfD auftat, fand wenig Beachtung. Das gilt auch für den durchaus weiterführenden Aufsatz von Ines Geipel, die in der Welt am Sonntag zwar den männlichen Ossi thematisierte (also Geschlechterbilder in die Betrachtung der Wahlergebnisse einbezog), aber letztlich war auch bei ihr die Mauer zwischen Ost und West das prädominante Erklärungsmuster.

Dabei verlangt die Tatsache, dass die AfD auch in Bayern und Baden-Württemberg beträchtliche Wahlgewinne einfuhr und populistische Bewegungen in Ländern ohne Teilungsgeschichte wie Frankreich, Niederlande, USA erfolgreich sind, nach anderen Erklärungsmustern. Meiner Ansicht nach liegt das Bemerkenswerte an der Bundestagswahl von September 2017 woanders: Die Programme der AfD sind einerseits ein Plädoyer für »traditionelle Werte«, darunter eine größere Geschlech­terpolarität. Andererseits gingen solche Forderungen historisch immer mit dem Versuch einer Homogenisierung der Gemeinschaft einher. Der Zusammenhang von völkischer Einheit und Geschlechterhierarchie ist geradezu paradigmatisch im Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu stu­dieren. Im deutschen Herbst 2017 ergab sich jedoch die Situation, dass die Forderung nach geschlechtlicher Eindeutigkeit das Auseinanderfal­len der nationalen Einheit begleitete. Das war neu und verlangt nach neuen analytischen Kategorien.

Dieser Sonderfall wird noch dadurch verschärft, dass die Kritik an der Kategorie Gender (die gern als Ursache für die Auflösung der Geschlech­tergrenzen gilt) aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommt. Bei den Gegnern der Frauenbewegung und -forschung vor 40 Jahren war es ein­facher. Ob sie dem rechten oder dem linken Spektrum angehörten, in einem waren sie sich einig: Dass Frauen fürs Kaffeekochen zuständig sind, galt als normal, ja biologisch verankert. Bei der Frage von Gender ist das anders: Hier bläst der Gegenwind aus so unterschiedlichen Rich­tungen, dass ein gemeinsamer Nenner kaum auszumachen ist.

Wer sind die Gender-Gegner?

Da wäre zunächst die katholische Kirche zu nennen. Als 2011 in den französischen Schulbüchern die sexuelle Identität nicht nur biologisch, sondern auch soziokulturell erklärt werden sollte, protestierten 100 Politiker der konservativen, katholisch geprägten UMP lautstark. Es handle sich um eine »unwissenschaftliche These«, schrieben sie, und sie erhielten Rückendeckung vom französischen Berater des Va­tikans für Familienfragen, der Gender als eine »totalitäre Ideologie« beschrieb, »die repressiver und schädlicher als der Marxismus ist«. Später stimmte auch Papst Franziskus in den Kanon ein, als er der Gen­der-Theorie vorwarf, einen »Weltkrieg zur Zerstörung der Ehe« zu führen. In Deutschland unterstellt die katholische Publizistin Gabriele Kuby den Gender Studies, nicht nur die »überlieferten Wert­systeme aller Kulturen und Religionen zu zerschlagen«, sondern sogar die Weltherrschaft anzutreten. »Was einst der ›dialektische Ma­terialismus‹ an den Hochschulen der DDR war, das ist heute die Gen­der-Ideologie an den Ausbildungsstätten des akademischen Nachwuchses, welche sich darauf vorbereiten, die Führungspositionen in dieser Gesellschaft zu übernehmen.«  Ihr Buch Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit wird von der katholischen Kirche vertrieben und wurde zu Hunderten von Exem­plaren an Politiker versandt. Für Kuby ist Gender ein »neuer Totalitarismus«, der »insbesondere gegen Christen gerichtet« sei.

Auf der evangelischen Seite ist das Urteil eher gespalten. Während der Ratsvorsitzende der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, in der Homo-Ehe (die eng mit der Flexibilisierung der Geschlechterkategorien zu­sammenhängt) eine Werbung für die Einrichtung Ehe überhaupt sieht, gehörte Angela Merkel bei der Parlamentsabstimmung im Juli 2017 über die Ehe für alle zu denen, die gegen die ­Gesetzesänderung stimmten. Allerdings hatte sie selbst die Parlamentsabstimmung zu dieser Frage eingeleitet. Die Evangelikalen (die vor allem in den USA eine wichtige Rolle spielen) sprechen sich strikt dagegen aus.

In der Politik wird der Anti-Genderismus inzwischen in die Parteiprogramme fast aller populistischen Parteien Europas und rechter Be­wegungen in den USA geschrieben. Aber es gibt auch Ausnahmen. So hat Geert Wilders’ rechtspopulistische Partei für die Freiheit keine Einwände gegen die liberale Gesetzgebung der Niederlande zu Geschlechterfragen, wohl aber instrumentalisiert er diese Liberalität, um gegen den Islam zu polemisieren. (…)

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Christina von Braun, geb. 1944, ist Professorin i. R. für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und Kodirektorin des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Zuletzt erschien „Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen“ (zusammen mit Bettina Mathes).

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