Christian Demand – Brief eines Lesers (22)

Ohne das Kursbuch wäre ich nicht beim Merkur gelandet. Schließlich bin ich über das Kursbuch überhaupt erst zum Zeitschriftenleser geworden.

Ich war schon Mitte 20, als mir das erste Heft in die Hand fiel. Die Zeitschriften, die bei uns zu Hause gelesen wurden, waren klassische Illustrierte. Die Bibliothek meiner Eltern war zwar umfangreich, sie enthielt aber fast ausschließlich Bildbände und Lexika zu Kunst und Architektur. Über alles andere unterrichtete das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

Anfang der 1980er-Jahre begann ich mit dem Studium. Die intellektuelle Bohrtiefe im universitär neu installierten Fach Kommunikationswissenschaft, für das ich mich eingeschrieben hatte, war niederschmetternd. Das deutlich ansprechendere Niveau in der Philosophie, zu der ich schon bald wechselte, war erkauft durch einen erschreckenden Mangel an lebensweltlicher Dringlichkeit sowie durch Kommilitonen, die daran nichts erschreckend finden konnten.

Während meiner Studienzeit lagen in allen Buchhandlungen in Universitätsnähe die wichtigen Kulturzeitschriften, politischen, literarischen und sozialwissenschaftlichen Magazine ganz selbstverständlich an prominenter Stelle aus. (Es gab mehr davon als heute, Zeitschriften wie Buchläden, oder täusche ich mich?) Ihre programmatisch karg gehaltene Aufmachung strahlte eine intellektuelle Strenge aus, die mich sofort in den Bann schlug. Nach ein paar eher mäßig überzeugenden Anbahnungsversuchen mit der Neuen Rundschau und den Frankfurter Heften verliebte ich mich im September 1986 erfolgreich in das Kursbuch. Geholfen haben dürfte dabei, dass es von allen ausgelegten Heften mit Abstand am besten aussah.

Die erste Ausgabe, die ich von vorn bis hinten gelesen habe, und bei der ich das Gefühl hatte, dass das, worüber und auch wie da geschrieben wurde, mich wirklich anging, war Heft 85 mit dem Titel GAU – Die Havarie der Expertenkultur. Ich weiß das deshalb so genau, weil ich es aufbewahrt habe. Diese Liaison dauerte gut fünf Jahre, wobei ich fast die ganze Zeit über ein treuer Leser war. Die letzte Ausgabe, die ich aufbewahrt habe, ist Heft 106 vom Dezember 1991 – das Kursbuch war mittlerweile vom Rotbuch Verlag zu Rowohlt gewechselt – mit dem Titel Alles Design. Es war ein großartiges, noch immer unbedingt lesenswertes Heft. Und doch erlosch mein Interesse danach zunehmend. Der Sound bezauberte mich immer seltener. Wenig später entdeckte ich den Merkur für mich.

Auch als Macher ist man Leser. Man ist es sogar noch mehr. Das empfiehlt sich in diesem Metier schon deshalb, weil man zur eigenen Arbeit nur selten direkte Rückmeldungen bekommt. Zumindest nicht von denen, für die man sie macht. Tages- und Wochenzeitungen erreichen mehr Leserzuschriften, als sie beantworten können; Funkhäuser und Fernsehanstalten unterhalten eigene Abteilungen zur Bearbeitung von Publikumsreaktionen und -anfragen. Im Vergleich dazu ist das Zeitschriftenmachen publizistischer Blindflug: Wenn beim Merkur in einem Monat drei Zuschriften eingehen, die sich zu Inhalten äußern, ist das schon viel. So misst man die eigene Arbeit zwangsläufig an der der anderen Zeitschriften – ich lese also auch wieder regelmäßig das Kursbuch – und vertraut ansonsten notgedrungen seinem inneren Kompass. Ich bezweifle, dass die Leserschaft der anderen Zeitschriften sehr viel mitteilungsfreudiger ist, es dürfte ihnen also ähnlich gehen. (…)

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Christian Demand, geb. 1960, ist Kulturphilosoph, Kunsthistoriker und Herausgeber der Kulturzeitschrift Merkur. Zuletzt erschien „Die Invasion der Barbaren. Warum ist Kultur eigentlich immer bedroht?“

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