Birger P. Priddat – Poesie der Ökonomie

Die große Parade von Vermutungen, Vagheiten, Überredungen und Kontingenzen

Die Ökonomie ist eine glänzende Wissenschaft; aber ihre Attitüde, als exakte Wissenschaft aufzutreten, wird in der Gesellschaft zunehmend als weniger glaubwürdig angesehen. Man nimmt ihr nicht mehr wie früher ab, dass sie die Ungewissheiten, Unwägbarkeiten, Komplexitäten der globalen Wirtschaftsprozesse angemessen verarbeiten kann. Immer mehr Menschen halten die Ökonomik für Bullshit.[1] In vielem ist sie eine Wissenschaft der Vermutungen, eine economy of guess, und in den Märkten eine economics of persuasion: der machtvollen beziehungsweise subtilen Überredung, das zu kaufen, wozu man selber gar keine Neigung hatte. Die Märkte regeln sich nicht von selber.[2] Richard Bookstaber spricht in diesem Zusammenhang vom »Ende der Theorie«.[3] Das wäre vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen.

Die Ökonomen betrachten ihre Wissenschaft häufig wie eine soziale Physik, weil sie so genau, präzise, logisch sei. Einzig unter Ökonomen hält sich dieser Glaube.[4] Nichtökonomen können das nicht prüfen, da sie die Sprache der Ökonomie, insbesondere ihre Algebra, weder kennen noch verstehen. Sie aber stellen die Mehrzahl der Akteure der Wirtschaft. Sie sprechen die Sprache A, nicht die Sprache Ö der Ökonomen.[5] In Sprache A interpretieren sie die wirtschaftlichen Vorgänge aus ihren Erfahrungen. Für die Sprache Ö zeigen sie Respekt, ohne zu wissen, was sie daran verstehen sollten. Ihr Verhalten ist irrationaler, emotionaler, moralischer, mehr kulturell bestimmt, stimmungsabhängiger, sozialer, konventionaler, als es der Normenkatalog der Rationalitäten der Ökonomik zulässt. Die Wirtschaft funktioniert wunderbar, ohne dass die Akteure etwas von Ökonomie verstehen (jedenfalls nicht so, wie Ökonomen Ökonomie verstehen). Die Ökonomen reden deshalb auch nicht von Ökonomie, sondern von Ökonomik. Die »ik«-Endung macht die Wissenschaftlichkeit aus, die methodisch/methodologisch gestützten, mathematisch modellierten Aussagensysteme über Wirtschaft. Wenn aber die Wirtschaft funktioniert, obwohl beziehungsweise weil sie von Leuten betrieben wird, die keine Ahnung von Wirtschaft haben (jedenfalls keine Ahnung von ökonomischer Ökonomik), was leistet dann die Ökonomik überhaupt für die Analyse der Wirtschaft? Denn wenn viele nicht verstehen, was Ökonomen sagen: Mit wem reden Ökonomen dann – außer mit sich selber? Wem erklären sie was? Und – wie funktioniert Wirtschaft dann tatsächlich? (…)

Birger P. Priddat, geb. 1950, ist Professor für Wirtschaft und Philosophie an der Universität Witten/Herdecke, außerdem Herausgeber der Zeitschrift agora42. Zuletzt erschien Die Welt kostet Zeit. Zeit der Ökonomie – Ökonomie der Zeit (zusammen mit Verena Rauen).

[1]    Seit Harry G. Frankfurts Buch Bullshit (Frankfurt am Main 2006) ist »Bullshit« ein philosophischer Begriff. Er bezeichnet Versprechungen und Behauptungen, die einfach unwahr sind, obwohl man es anders beziehungsweise besser wissen kann (ähnlich den inzwischen prominent gewordenen fake news).

[2]    Roman Frydman, Michael D. Goldberg: Beyond mechanical Markets. Asset Price Swings, Risk, and the Role of the State. Princeton, New Jersey 2011.

[3]    Richard Bookstaber: The End of Theory. Financial Crises, the Failure of Economics, and the Sweep of Human Interaction. Princeton, New Jersey 2017; Jean-Pierre Dupuy: Economy and the Future. A Crisis of Faith. Michigan 2014.

[4]    Yuval Yonay, Daniel Breslau: »Marketing Models: The Culture of Mathematical Economics«, in: Sociological Forum 3 (2006), S. 345–386.

[5]    Birger P. Priddat: »Ludonarrative Dissonanz und ›ersatz-economics‹«, in: ders.: Economics of persuasion. Ökonomie zwischen Markt, Kommunikation und Überredung. Marburg 2015, S. 43–107.

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