Birger P. Priddat – Kapitalismus als Religion

Das Ende des Kapitalismus als Religion. In der Aufklärung verschwindet die religiöse Bindung der Gesellschaften, darin auch die alte Ökonomie der Schöpfungsordnung der – heute fast unbekannten – oeconomia divina. In diesem Umbruch bot im 18. Jahrhundert die Politische Ökonomie eine neue Ordnung: den effizienten, sich selbst regulierenden Markt – entweder als Substitut der göttlichen als weltliche Ordnung oder als eine moralische Ökonomie. Die Erfahrungen mit den Krisen aber lösen im Kapitalismus des 19. Jahrhunderts Misstrauen aus: Auch den Gleichgewichtsmythos des Marktes muss man glauben. Die neue Religion wird als Glaube an den Markt gehandelt. »Das Fortschrittsaxiom selbst ist für den modernen Menschen Teil seines Status quo geworden. Es ersetzt ihm das herkömmliche Gottvertrauen.«* Der neue Glaube heißt Systemvertrauen.

Der Gott, der bei Adam Smith seine »invisible hand« ins Spiel bringt, ist ein zwar zurückgezogener Schöpfer (Deus absconditus), bleibt aber von der Vorsehung bestimmt präsent: Die Ordnung der Wirtschaft ist ein Teil der Vorsehung. Ähnlich wie Newton sind auch für Smith die Bewegungen der Wirtschaft einer »natürlichen« (Schöpfungs-)Ordnung unterstellt. Doch bietet diese neue Ökonomie etwas, was bisher noch keine Wirtschaft zu leisten vermochte: Wachstum und höhere Einkommen, den Reichtum (wealth of nations) für alle (wenn auch ungleich verteilt). (…)

* Weizsäcker, Carl Chr. von: ≫Chancen und Grenzen der Zukunftsgestaltung durch Forschung≪. In: FAZ Nr. 258/2010, S. 12.

Birger P. Priddat, geb. 1950, ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaft und Philosophie an der privaten Universität Witten/Herdecke, außerdem Mitherausgeber der Zeitschrift agora42. Zuletzt erschien von ihm „Die Modernität der Industrie“.

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Für den kostenlosen Newsletter des Kursbuchs können Sie sich hier eintragen:

[wysija_form id=“4″]

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *