Bernd Stiegler – Bildersturm

Ideologische Besetzungen der Fotografie in der Gegenwart

Vor einigen Wochen postete der norwegische Autor Tom Egeland auf seiner Facebook-Seite das berühmte Foto der vor Napalmbomben fliehenden Kim Phúc aus dem Vietnamkrieg. Er stellte es als eines der iko­nischen Kriegsbilder der Gegenwart in eine Reihe mit weiteren Fotos, die die Kriegsberichterstattung geprägt haben. Als Facebook unter Hin­weis auf das Verbot, pornografische Aufnahmen zu posten, das Bild löschte und Egeland zugleich warnte, bei erneuter Missachtung der Re­geln seine Seite zu sperren, kam es zu einer breiten Solidarisierungs­aktion. Selbst von der norwegischen Premierministerin wurde das Bild erneut gepostet, nun aber versehen mit einem breiten Zensurbalken. Der Herausgeber der norwegischen Zeitung Aftenposten, Espen Egil Hansen, wandte sich sogar mit einem offenen Brief, den er auch in Gestalt eines Videos ins Netz stellte, direkt an Mark Zuckerberg und warf ihm Macht­missbrauch vor.

Das Bild erschien am 9. September mit einem Hinweis auf den abgedruckten offenen Brief unzensiert auf der Titelseite der Zeitung, nun untertitelt mit: »Dear Mark Zuckerberg«. Hansen unterstrich die entscheidende Rolle, die den Medien bei der Kriegsberichterstattung für die Öffentlichkeit zukomme. Mitunter habe die Veröffentlichung solcher Bilder zu einer »Veränderung der Haltung geführt, die dann eine Rolle spielte, um den Krieg zu beenden. Sie trugen zu einer offeneren, kritischeren Debatte bei. So muss eine Demokratie funktionieren.« (…)

(weiterlesen im Kursbuch 188)

Bernd Stiegler, geb. 1964, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur mit Schwer­punkt 20. Jahrhundert im medialen Kontext an der Universität Konstanz. Zuletzt erschien „Der montierte Mensch. Eine Figur der Moderne“.

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