Berit Glanz – Sonnenaufgang im Uncanny Valley

Literatur und interpretatorische Methoden haben im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz ausgedient? Ganz im Gegenteil, betont die Literaturwissenschaftlerin Berit Glanz in ihrem Essay in Kursbuch 199. Gerade in einer virtuellen Welt wird unser Verständnis faktualer und fiktionaler, gar fiktiver, Rede ganz neu herausgefordert. In der spezifischen Intelligenz der Literatur finden wir daher einen reichen Schatz an Methoden und Navigationshilfen, die uns befähigen, in der neuen, technologiegetriebenen Gesellschaft zu überleben, ja diese verantwortungsvoll zu gestalten. 

Berit Glanz, geb. 1982, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Skandinavische Literaturen des Instituts für Fennistik und Skandinavistik der Universität Greifswald mit Forschungsschwerpunkt Medienwandel. Sie engagiert sich aktiv, Literatur und soziale Medien zusammenzubringen. Zuletzt erschien Pixeltänzer.

Textauszug

Sind in Zeiten rasanter Digitalisierungssprünge und zunehmender Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz die aus dem Lesen und Analysieren von Literatur gewonnenen Fähigkeiten und Erkenntnisse überhaupt noch zukunftsfähig? Müssen die Literaturwissenschaften auf die Frage nach der spezifischen Intelligenz der Literatur eine Antwort geben können und wie lässt sich diese mit der künstlichen Intelligenz verknüpfen? Die Literaturwissenschaften arbeiten seit der kulturwissenschaftlichen Wende in Teilen mit einem erweiterten Textbegriff, analysieren nicht mehr nur schriftsprachliche Äußerungen, sondern schauen mit großem Interesse auch auf Texte mit starken visuellen und auditiven Elementen, analysieren Filme, Hörbücher und Comics mit großem Gewinn. Doch der analytische Blick auf die aus technischer Entwicklung generierten Veränderungen fällt vielfach noch schwer, besonders eine kritische Auseinandersetzung mit zunehmend von Maschinen generierten Informationen, als würden die Deutungskompetenzen der Textanalyse hier versiegen. Im Gegensatz dazu denke ich, dass die spezifischen Möglichkeiten der Literatur und der literaturwissenschaftlichen Textanalyse uns gut auf die veränderten Wahrnehmungsdispositive vorbereiten können, die im Zeitalter der künstlichen Intelligenz entstehen und entstehen werden. Diese These möchte ich im Folgenden anhand von zwei literarischen Verfahren belegen: der Verfremdung und der Familiarisierung von Informationen in der Literatur. Doch zunächst müssen wir den Fokus auf die Maschinen richten.