Benjamin Moldenhauer – Das Kino bebt!

Anmerkungen zu einem anachronistischen Medium

Ästhetische Erfahrungen sind an ihre medialen Voraussetzungen gebunden. Weil das so ist, geht der Bedeutungsverlust eines bestimmten Dispositivs mit einem Erfahrungsverlust einher. Und wo eine Erfahrung nicht wiederherstellbar ist, sind die Reaktionen Melancholie und Nostalgie oder die Feier des Neuen. Wer die Entwicklung beklagen will, kann zurzeit ein ganzes Ensemble von Umschichtungen konstatieren. Umschichtungen, die das Wesentliche dessen, was man Kino nennt, tangieren. Dazu gehören die Ersetzung von Zelluloid als Speichermedium durch digitale Aufzeichnungs- und Projektionsgeräte, die Pluralisierung der Orte, an denen man Filme sehen kann (auf dem Laptop im Zug zum Beispiel, auf dem Smartphone in der Straßenbahn), optimierte heimische Rezeptionssituationen (das technisch zunehmend aufgerüstete Heimkino) und neue Distributionswege wie Streaming-Dienste, die die Videotheken in den Ruin und die Kinos in die Krise zwingen.

Wer erkennbar melancholisch oder nostalgisch erscheint, hat schlechte Karten: Wer davon erzählt, was früher alles besser war, erscheint den Jüngeren wie schon fast tot. Liegt er tatsächlich auf dem Sterbebett, verstärkt dieser Eindruck sich noch. 1993 besucht der Filmemacher, Maler und Musiker David Lynch, der gerade in Rom einen Werbespot für Barilla Pasta dreht, den Kinomenschen Federico Fellini im Krankenhaus. »Man hatte mir einen Stuhl geholt. Also setzte ich mich vor Fellinis Rollstuhl, an dem ein kleiner Tisch angebracht war, und er hielt meine Hand«, erinnert sich Lynch in seiner Autobiografie Traumwelten. »Das war das Allerschönste. Wir saßen eine halbe Stunde da und hielten uns die Hände, und er erzählte mir Geschichten über die alten Zeiten, wie sich die Dinge verändert hatten, und wie es ihn deprimierte, wie die Dinge nun waren.« [1]

Fellinis Klage, zwei Tage bevor er ins Koma fällt, laut Lynch: »David, in den alten Zeiten ging ich hinunter und trank meinen Kaffee, und all die Filmstudenten kamen herbeigelaufen, und wir unterhielten uns, und sie wussten alles über Filme. Sie haben nicht ferngesehen, sie gingen ins Kino, und wir hatten diese wunderschönen Gespräche beim Kaffee. Jetzt gehe ich hinunter und es ist niemand da. Sie sehen alle fern und sprechen nicht mehr so über Filme, wie sie es früher taten.« [2]

Eine Erfahrungswelt verschwindet, sie existiert nur noch als Erinnerung, aber die nächste Generation sitzt bereits im Zimmer und hält einem ihrer zentralen Akteure die Hand. Diese Staffelübergabe geht einher mit dem Verlust einer maßgebenden Position – Fellini war einer der Könige des Goldenen Zeitalters des Kinos in Italien, schreibt Lynch. Vor allem aber beklagt Fellini den Verlust einer bestimmten Weise, über die Bilder zu sprechen, die wir uns mit dem Kino von der Welt machen. Ein Modus nicht nur der ästhetischen, sondern auch der Welterfahrung verschwindet.

Die Geschichte wiederholt sich, exemplarisch an vielen signifikanten Daten der Kinogeschichte, und 1993 in Fellinis Krankenzimmer in Rom. In den meisten Fällen erfasst die Klage über den jeweiligen Niedergang etwas Reales. Im Falle von Fellini: Die Menschen sprechen 1993 anders über Filme als zum Beispiel zur Hochphase des Neorealismus. (…)

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Benjamin Moldenhauer, geb. 1980, ist freier Autor und Lehrbeauftragter an der Universität Bremen. Zuletzt erschien „Ästhetik des Drastischen. Welterfahrung und Gewalt im Horrorfilm.“

[1]        David Lynch, Kristine McKenna: Traumwelten. Ein Leben. München 2018, S. 460. Im Buch alternieren die Texte McKennas und Lynchs autobiografische Texte gleichsam als Audiokommentar des Regisseurs zu dem Film, der seine Biografie ist.

[2]        Ebd.

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