Barbara Zehnpfennig – Keine Lüge ohne Wahrheit

Wahrheit ist »die Verpflichtung, nach einer festen Convention zu lügen« [1] – so die zynisch anmutende Behauptung Friedrich Nietzsches, mit der er den menschlichen Wahrheitswillen schlechthin infrage stellen will. Wahrheit kann es für Nietzsche schon deshalb nicht geben, weil die Lüge bereits in der Sprache liegt. Denn obwohl jedes Ding individuell ist, zwingt die Sprache es doch zur Unterordnung unter einen allgemeinen Begriff: So glaube ich, »den Wind« zu spüren, wenn ich doch nichts weiter wahrnehme als ein ganz konkretes Gefühl auf der Haut. Die Sprache dichtet also zu meiner konkreten Empfindung eine allgemeine Ursache hinzu. Zusätzlich zu dieser schon in der menschlichen Kommunikation angelegten Unwahrheit schafft sich jeder Mensch auch noch seine eigene Wahrheit, nämlich die, welche seinem Überlebenswillen dient.

Dass aus dem hemmungslosen Verfechten der je eigenen Wahrheit der Kampf aller gegen alle beziehungsweise das nackte Chaos entspringen würde, liegt auf der Hand. Nur um dies nicht heraufzubeschwören, haben sich die Menschen auf bestimmte »Wahrheiten« geeinigt, die für alle verbindlich sein sollen. Damit ist der Bereich des Politischen nichts weiter als der Raum, in dem sich die stärksten, die gemeinschaftserhaltenden Lügen durchgesetzt haben. Der Individualegoismus ist dem Kollektivegoismus gewichen; mehr ist vom Menschen, von der Politik, von der Welt nicht zu erwarten. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Friedrich Nietzsche: »Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne«, in: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 1, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1999, S. 881.

Barbara Zehnpfennig ist Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau. Zuletzt erschien Die Prägung von Mentalität und politischem Denken durch die Erfahrung totalitärer Herrschaft (zusammen mit Hendrik Hansen).

Das Kursbuch und auch die Abos können Sie im Shop kaufen.
Für den kostenlosen Newsletter des Kursbuchs können Sie sich hier eintragen:

Hinterlassen Sie einen Kommentar (moderierter Bereich)

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind markiert *