Barbara Zehnpfennig – Keine Lüge ohne Wahrheit

Wahrheit ist »die Verpflichtung, nach einer festen Convention zu lügen«[1]    – so die zynisch anmutende Behauptung Friedrich Nietzsches, mit der er den menschlichen Wahrheitswillen schlechthin infrage stellen will. Wahrheit kann es für Nietzsche schon deshalb nicht geben, weil die Lüge bereits in der Sprache liegt. Denn obwohl jedes Ding individuell ist, zwingt die Sprache es doch zur Unterordnung unter einen allgemeinen Begriff: So glaube ich, »den Wind« zu spüren, wenn ich doch nichts weiter wahrnehme als ein ganz konkretes Gefühl auf der Haut. Die Sprache dichtet also zu meiner konkreten Empfindung eine allgemeine Ursache hinzu. Zusätzlich zu dieser schon in der menschlichen Kommunikation angelegten Unwahrheit schafft sich jeder Mensch auch noch seine eigene Wahrheit, nämlich die, welche seinem Überlebenswillen dient.
Dass aus dem hemmungslosen Verfechten der je eigenen Wahrheit der Kampf aller gegen alle beziehungsweise das nackte Chaos entspringen würde, liegt auf der Hand. Nur um dies nicht heraufzubeschwören, haben sich die Menschen auf bestimmte »Wahrheiten« geeinigt, die für alle verbindlich sein sollen. Damit ist der Bereich des Politischen nichts weiter als der Raum, in dem sich die stärksten, die gemeinschaftserhaltenden Lügen durchgesetzt haben. Der Individualegoismus ist dem Kollektivegoismus gewichen; mehr ist vom Menschen, von der Politik, von der Welt nicht zu erwarten.

Solch düstere Perspektive auf die Welt wie von Nietzsche vorgestellt mag Labsal für den Skeptiker oder Zyniker sein. Wer allerdings logisch zu denken gewillt ist, wird sogleich den Widerspruch bemerken, dem auch Nietzsche nicht entgeht und der darin liegt, die Wahrheit zu leugnen und doch von der Lüge zu sprechen. Wenn es das eine nicht gibt, dann ist auch das andere hinfällig. Wer aber wäre bereit, diese Konsequenz zu ziehen? Sind beispielsweise all die Lügen, die den gerade hinter uns liegenden amerikanischen Wahlkampf bestimmten, gar keine, da es die Wahrheit ohnehin nicht gibt?

Was ist Wahrheit? Was ist Lüge?

Natürlich wird man sich, auch wenn man Nietzsches Generalskepsis im Hinblick auf die Wahrheit nicht teilt, schwertun, Wahrheit und Lüge immer trennscharf voneinander zu unterscheiden – die Übergänge sind fließend, gerade im politischen Bereich. Ist es schon eine Lüge, nicht die ganze Wahrheit zu sagen? Hat der Politiker gelogen, der bei einer humanitären Intervention in ein Land, das von einem Bürgerkrieg erschüttert wird, nur über den Einsatz von Drohnen spricht und damit den Eindruck erweckt, auf Bodentruppen völlig verzichten zu können? Die Interventionsbereitschaft wird es erhöhen, wenn auf der eigenen Seite kaum Verluste zu erwarten sind. Doch es wird zum Verlust von Menschenleben kommen, das ist in keinem Krieg zu vermeiden; muss man also das zu Befürchtende in größtmöglicher Härte ausmalen, in der Gewissheit, damit das eigene Land von der Hilfeleistung abzuschrecken, die das andere herbeisehnt?

Im genannten Fall wird man den Begriff der »Lüge« wohl mit Vorsicht gebrauchen. Erstens sind die möglichen Folgen des beabsichtigten Tuns noch gar nicht absehbar. Zweitens könnte man in dem manipulativen Verhalten des Politikers das Bemühen erkennen, das humanitär Wünschbare nicht gänzlich dem Eigeninteresse der Wähler auszuliefern. Hat aber der demokratische Politiker die Lizenz zu paternalistischer Führung des Wahlvolks, zu einer Beschönigung der Wahrheit, die auszuhalten er den Wählern nicht zutraut? Es könnte so sein. Vielleicht ist ja der demokratische Glaube an die Reife und Mündigkeit aller Menschen, die über das Wahlrecht verfügen, selbst etwas, das auf seinen Wahrheitsgehalt zu untersuchen wäre.

Scheint der Begriff der »Lüge« für das wohlbegründete Weglassen eines Teils der Wahrheit zu hoch gegriffen, so wird man auch bei rhetorischen Übertreibungen und Zuspitzungen, wie sie in der Politik oft vorkommen, nicht unbedingt gleich von Lüge sprechen können. Eine knallige Formulierung findet natürlich ganz andere Resonanz als ein gründlich abgewogener, sorgfältig differenzierter Kommentar. So kann man mit dem Begriff der »Rentenlüge« sehr viel mehr Wähler mobilisieren als mit Statistiken, die nachweisen, dass die früheren Prognosen über die Entwicklung des Rentenniveaus auf demografischen Hochrechnungen beruhten, deren Basis im Lauf der Zeit geschwunden ist. Ist die Rede von der »Rentenlüge« deshalb schon ihrerseits eine Lüge? (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Friedrich Nietzsche: »Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne«, in: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 1, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München 1999, S. 881.

Barbara Zehnpfennig ist Professorin für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau. Zuletzt erschien Die Prägung von Mentalität und politischem Denken durch die Erfahrung totalitärer Herrschaft (zusammen mit Hendrik Hansen).

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