Barbara Thiessen – „Entlastet von häuslichen Pflichten“

Ein trügerisches Emanzipationsideal

»Frauen, denen es im Gegensatz zu den meisten anderen gelungen ist, in einem befriedigenden Beruf zu arbeiten, finanziell unabhängig und von häuslichen Pflichten weitgehend entlastet zu sein, bilden noch immer eine privilegierte Minderheit.«  Mit diesem Satz beginnt der erste Beitrag für das Kursbuch Frauen (1977) von Marina Moeller-Gambaroff. Sie skizziert damit ein Emanzipationsideal, das Autonomie für Frauen verspricht und bis heute mehr oder weniger noch Gültigkeit besitzt. Allerdings kann dieses Ideal auch gegenwärtig nur von einer privilegier­ten Schicht von Frauen gelebt werden. Ein solches Konzept von Emanzipation ist trügerisch, denn es verkennt die Bedeutung von »häuslichen Pflichten« als Teil eines Care-Regimes oder Systems fürsorglicher Praxen, auf die Menschen grundlegend angewiesen sind. Gemeint ist damit neben der privaten Haus- und Beziehungsarbeit auch die informelle Nachbarschaftshilfe, Freundinnendienste und Verwandtschaftspflege sowie die bezahlte und in Teilen professionalisierte Erwerbsarbeit in den Bereichen Versorgung, Betreuung, Erziehung und Pflege. Mit der Entwertung von Care, die mit diesem Emanzipationsideal fortgeschrie­­ben wurde und wird, geraten auch diejenigen, die Fürsorge leisten, und die Bedingungen, unter denen sie tätig sind, aus dem Blick. Zugespitzt formuliert: Wenn sich alle von der Last der »häuslichen Dienste« befreien, wer übernimmt sie dann zu welchen Bedingungen? Und welche Folgen hat dies für unsere Vorstellungen von Geschlechtern sowie für das Verhältnis der Geschlechter in gesellschaftlichen Systemen? Und: Welches Selbstbild liegt dieser Entwertung zugrunde?

Die alte Geschlechterordnung samt der ihr eingeschriebenen Arbeits­teilung scheint gegenwärtig an Plausibilität verloren zu haben. Aller­orten ist Fürsorge im Gespräch: So viele Väter nutzen Elternzeit! Was tun gegen den Mangel an Fachkräften in Kitas? Wie ist die Nummer vom Lieferservice für das Essen heute Abend? Warum streiken in diesem Herbst wieder Pflegekräfte in der Charité? Welche Agentur für 24-Stunden-Pflege soll für die Eltern gebucht werden? Hatten wir nicht einen Putzplan vereinbart? Es knirscht sowohl im privaten Alltag als auch im Gesundheits- und Wohlfahrtssektor inklusive dem haushaltsnahen Dienstleistungsmarkt, auch wenn soziale und Gesundheitsdienstleistungen boomen. Gleichzeitig erleben wir, wie auf Straßen und in Talkshows, in Parlamenten und Feuilletons über Familien, Lebensformen und Sexualitäten, über Kinderbetreuung und Altenpflege gerungen, ge­stritten und polemisiert wird. Jüngstes Beispiel ist die bemerkenswerte erfolgreiche Thematisierung des Pflegenotstandes durch den Altenpfle­geschüler Alexander Jorde bei einer TV-Wahlveranstaltung mit Angela Merkel im September dieses Jahres. Der 21-Jährige konfrontiert dort Mer­kel mit Menschenrechtsverletzungen angesichts des Mangels an Fachkräften in Kranken- und Altenpflege. In all diesen Debatten geht es im Kern sowohl um die Frage der Anerkennung von Care-Arbeit und Sorgebeziehungen als auch um normative Aushandlungen, wie familiale Sorge, professionelle Care-Arbeit und staatlich gerahmte Daseinsvorsorge und freie Wohlfahrtspflege im Geschlechterverhältnis gestaltet sein sollen. Dass die Statements des Pflegeschülers Jorde  so eine Aufmerksamkeit auslösen konnten, liegt möglicherweise auch an seinem Geschlecht. Eine Altenpflegerin, die ihren Beruf »toll« findet, aber mehr Anerkennung und bessere Bedingungen fordert, hätte eher keinen Medienhype ausgelöst. Die Reaktion wäre vielmehr gewesen, dass es selbstverständlich ist, dass Frauen pflegen und dabei keine Ansprüche stellen. Die »häuslichen Pflichten« sind zwar mittlerweile in der öffentlichen Arena gelandet, gerungen werden muss aber weiter um ihre Erledigung.

Es soll also in diesem Beitrag um das Verhältnis von Gender und Care, von vergeschlechtlichen Praxen und Fürsorgetätigkeiten gehen. Damit ist die Frage verknüpft, wie Care gegenwärtig in Ökonomie und Gesellschaft eingebunden ist. Dazu braucht es zunächst einen kurzen Rückblick auf den historisch begründeten Zusammenhang von Gender und Care, der ganz wesentlich auch das Menschenbild der westlichen Moderne geprägt hat. Im Weiteren werden unter dem Stichwort Care-Krise aktuelle Widersprüche und Konflikte um Fürsorgearbeit im Geschlechterverhältnis aufgezeigt. Zur Diskussion stelle ich abschließend Überlegungen für ein Emanzipationsmodell, in dem Fürsorgepraxen nicht entwertet werden und Geschlechtergerechtigkeit möglich werden könnte. (…)

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Barbara Thiessen, geb. 1965, ist Professorin für Gendersensible Soziale Arbeit an der Hochschule Landshut. Zuletzt erschien „Mutterschaft: Zwi­schen (Re-)Naturalisierung und Diskursivierung von Gender und Care“ (im Handbuch „Frauen- und Geschlechterforschung“).

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