Astrid Séville – There Is No Alternative (TINA)

Über den faden Sound der Alternativlosigkeit

Der alte Florentiner Niccolò Machiavelli ist für seine politischen Ratschläge berühmt-berüchtigt. Zwischen Anleitungen zur notwendigen Skrupellosigkeit eines Herrschers hinterließ uns dieser Denker zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen Tipp: »Kluge Männer machen sich immer ein Verdienst aus ihren Handlungen, auch wenn sie allein die Notwendigkeit dazu zwingt.«  Was würde Machiavelli wohl zu Politikerinnen und Politikern sagen, die sich in öffentlichen Statements offensiv auf Notwendigkeit, Alternativlosigkeit oder Sachzwänge berufen, statt sich verdienstvoll ihrer politischen Taten zu rühmen? 

Diese Frage scheint heute aktueller denn je, denn das viel diskutierte Mantra der Alternativlosigkeit diente unlängst der deutschen Dauerbundeskanzlerin Angela Merkel als eine rhetorische Allzweckwaffe, um zum Beispiel den Bailout Griechenlands zu rechtfertigen. Ihr und Wolfgang Schäuble, dem ehemaligen Finanzminister, Schuldenstaatendompteur und Meister der »schwarzen Null«, galten zahlreiche Entscheidungen der europäischen Krisenpolitik als »alternativlos«. Angela Merkel wiederum rechtfertigte mit dem Slogan noch so manch andere Entscheidung, sodass »alternativlos« gar zum »Unwort des Jahres 2010« gewählt wurde. Die Jury und mit ihr zahlreiche Journalisten, Intellektuelle und Publizisten kritisierten damals jene Phrase als undemokratische, technokratische Unsprache. Freilich handelt es sich bei der Rede von Alternativlosigkeit um kein deutsches Phänomen: Auch der damalige EU-Währungskommissar Olli Rehn verteidigte im Januar 2014 das Krisenmanagement mit den Worten: »Es war nicht alles perfekt, aber es gab nun mal keine Alternative«, während die Chefdirektorin des Internationalen Währungsfonds Christine Lagarde ebenfalls beglaubigte, es habe keine Alternative zur Austeritätspolitik gegeben. Überhaupt zitierten in den letzten Jahren reihenweise europäische Premierminister Margaret Thatchers berühmten Slogan »There is no alternative«, für den sich die Abkürzung TINA etabliert hat. (…)

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Astrid Sévillegeb. 1984, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Politische Theorie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschienThere is no alternative“. Politik zwischen Demokratie und Sachzwang.

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