Armin Nassehi – Wozu Universitäten?

Eine Legitimationsgeschichte

Universitäten sind die Laboratorien gesellschaftlicher Veränderungen. Ob das stimmt, sei dahingestellt, aber der Satz scheint zu funktionieren. Man kann gesellschaftlichen Wandel stets auch als Wandel seiner wichtigsten Institutionen beschreiben – als Wandel der Form der Produktion oder auch als Wandel von Staatsorganisationen, sogar als Wan­del der Orte, an denen Kunst präsentiert wird oder wo gebetet wird. Die Gesellschaft selbst in den Blick zu nehmen, ist ohnehin relativ schwierig, gerade weil eine moderne Gesellschaft sich dadurch auszeichnet, dass sie aus dem gleichzeitigen Nebeneinander, Miteinander und Gegeneinander ihrer zentralen Funktionen besteht, die weder zentral vermittelt und integriert sind noch unabhängig voneinander agieren. Es spricht also offensichtlich nichts dagegen, gesellschaftlichen Wandel als Wandel sei­ner Universitäten zu beschreiben – oder besser: als Wandel der Erwartungen, die an Universitäten gestellt werden. Ich möchte im Folgenden eine kursorische Tour d’Horizon durch die Erwartungen an die Universität wagen und am Ende selbst eine Erwartung andeuten, die zugegebenermaßen einen sozialwissenschaftlichen Bias hat.

Eine erstaunliche Kontinuität

Die Universität, so schreibt es Rudolf Stichweh in seiner Studie „Der früh­moderne Staat und die europäische Universität“, gehört seit ihrer Gründung zu den zentralen Institutionen der europäischen Welt. Einen zeit­genössischen Text paraphrasierend heißt es bei Stichweh: »Im dreizehnten Jahrhundert tritt die Universität neben Reich und Kirche als die dritte Universalmacht des Abendlandes. Der Antichrist werde nicht kommen, solange sich die Kirche auf das Heilige Römische Reich als ihren Schutz in weltlichen Angelegenheiten und auf die Universität der Franzosen (Paris) als ihren Adjunkt in spirituellen Dingen verlassen könne.«  Im hierarchischen Verhältnis zwischen Reich und Kirche bekam die Universität selbstverständlich keine unabhängige Stellung zugewiesen, aber sie wurde zur Universalmacht deswegen, weil sie in der Lage war, mehr noch als die beiden anderen Universalmächte, Zeit und Raum ihrer Entscheidungen zu überwinden. Rudolf Stichweh beschreibt die Universalität der Universität in dem Sinne, dass die Institution eben nicht in einem spezifischen Sinne Ausbildungsstätte sei, die für eine be­stimmte Stadt zuständig sei, »und daß deshalb alles, was geistig in ihr vorkommt, in einer Weise aufgefaßt wird, die nicht von der Befriedigung präziser lokaler Bedarfe her gedacht werden kann«.

Was hier für den Beginn der Universität beschrieben wird, gilt auch noch heute. Es ist die Spannung zwischen Bedarf und Bedeutung. Die Universität ist immer konkrete Ausbildungsstätte, aber in ihrer Univer­salität eben ein Wissensgenerator, der über den konkreten Bedarf hinausgeht. Im Vergleich zum 13. Jahrhundert hat sich diese Spannung noch verschärft. Hat die klassische europäische Universität zwischen Reich und Kirchen insofern vermittelt, als sie handhabbares Wissen für eben dieses Verhältnis geliefert hat, ist moderne Universitätswissenschaft eine Veranstaltung ganz eigener, eben nur wissenschaftlicher Bedeutung, und Bildung nicht nur Bildung für den konkreten Bedarf, sondern auch wis­senschaftliche Bildung. (…)

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Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Demnächst erscheint „Gab es 1968? Eine Spuren­suche“.