Armin Nassehi – Woher kommst Du nicht?

In sieben Skizzen zeichnet Kursbuch-Herausgeber Armin Nassehi in Kursbuch 198 die Genese des Heimatbegriffes nach und stellt die These zur Debatte, dass eine Brisanz des Heimatbegriffes nur in einer Moderne wie der Unseren entstehen konnte, wo eine Gesellschaft ihr Personal nicht mehr eindeutig zuordnen kann. Diese Leerstelle, die Lücke in der Zuordnung ist es aber gerade, die wir als Gesellschaft begrüßen sollten.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität-München. Zuletzt erschien Gab es 1968? Eine Spurensuche.


Textauszug

Nein, ich will nicht wissen, was Heimat wirklich ist – dies ist kein Servicetext,  in dem nun endlich geklärt wird, was denn die Heimat sei und wie man darüber zu sprechen habe. Es ist auch kein Bekenntnistext – weder für ein bestimmtes Heimatverständnis noch für die Einsicht, dass solch ein Begriff anachronistisch, nicht mehr zeitgemäß oder womöglich. Zunächst ist es ein Datum, dass der Begriff wieder da ist. Er muss also einen Nerv treffen, eine Frage beantworten oder eine bestimmte Funktion übernehmen. Selbst die Abgrenzung gegen einen Begriff ist bereits eine subtile Form der Anerkennung, sonst lohnte sich die Mühe der Abgrenzung nicht. Mich interessiert, warum und warum ausgerechnet jetzt die Frage nach der Heimat und der Gebrauch des Begriffs so attraktiv scheint – so attraktiv, dass wir sogar ein Kursbuch dazu machen. Ich werde diese Frage in sieben Motiven/Fragen abhandeln.

Erstens:
Was ist der Gegenbegriff zu »Heimat«?

Zunächst kann man historisch wissen, dass eine stark emotionalisierte Semantik der Heimat erst dort entsteht, wo sie letztlich verloren ist, zumindest als alternativlose Form der Zugehörigkeit. Die Begriffsgeschichte zeigt das recht deutlich. Der Heimatbegriff meinte vorerst nichts anderes als den Ort der Herkunft, in der Amtssprache dann später den Wohnort einer Person. Heimatrecht war ein Teil des Aufenthaltsrechts, das von konkreten Orten bis zum Staatsbürgerschaftsrecht reicht. Dieser Heimatbegriff
hatte eine, wenn man so will, realistische Komponente. Er bezeichnete Realien im Sinne räumlicher und sozialer Zugehörigkeiten, aus denen Gewohnheitsrechte und bürgerliche Rechte erwuchsen und die letztlich auf eine wenig mobile Gesellschaft bezogen waren. Doch schon hier musste das Heimatliche letztlich erst dann geregelt werden, als es zum Ortswechsel kam, beziehungsweise wenn Entscheidungen da rüber getroffen werden mussten, wer zugehörig war und wer nicht.

Der Gegenbegriff zur Heimat war dann, so merkwürdig das klingt, eine andere Heimat. Jeder Mensch hatte eine Heimat – und das bedeutete zunächst relativ wenig. Keine Heimat zu haben, war letztlich keine Option – es war eher so etwas wie eine Ortlosigkeit, ein Verlust von Bezügen. Wer keine Heimat hatte, wusste nicht, wo er hingehört – nach dem Zweiten Weltkrieg, der eine gigantische Entheimatungsmaschinerie in jeglicher Hinsicht war, nannte man diese Leute displaced persons, Ortlose gewissermaßen. Keine Heimat (mehr) zu haben, war dann eine Anomalie in bürokratischpolitischen Klassifikationssystemen. Der Gegenbegriff zu »Heimat« scheint also die Ortlosigkeit zu sein – oder besser: Einen Gegenbegriff braucht man dann, wenn sich die Frage der Heimat nicht von selbst beantwortet. Wenn sie sich freilich von selbst beantwortet, dann muss die Frage nicht gestellt werden, woraus folgt, dass die Frage nach der Heimat ihren Verlust bereits impliziert hat. Die Unterscheidung wäre also placement/displacement – in einer Welt, in der displacement zum Normalfall wird. Aber dazu später mehr. […]