Armin Nassehi – »Wir werden es gewusst haben!«

Das Internet als Massenmedium

Buch, Zeitung, Rundfunk, Fernsehen – in dieser Reihenfolge haben die entscheidenden Medienformate moderne Gesellschaftlichkeit bestimmt. Man lernt im Sozialkundeunterricht: Ohne die Zeitung, ohne den Rundfunk, ohne das Fernsehen wäre moderne Staatlichkeit nicht möglich gewesen, ohne den Buchdruck hätte es kein Lesepublikum gegeben, an das die anderen Medien hätten anschließen können. Die kulturelle Selbstvergewisserung durchs Aufschreiben erst nachhaltig ansprechbarer »Nationen«, durch Meldungen und Informationen synchronisierte Ereignis- und Personenwelten und die Erzeugung eines Publikums für politische, ökonomische, kulturelle, medizinische und Bildungszumutungen wäre ohne diese Massenmedien nicht denkbar gewesen. Um also die Massenmedialität des »Internets« zu bestimmen, müssen wir uns zunächst nicht ohne Ausführlichkeit der klassischen Massenmedialität stellen.

Synchronisation

Die gesellschaftliche Leistung der Massenmedien besteht weniger darin, Orientierung, Klarheit und Konsens zu vermitteln, sondern einen Ort zu bieten, an dem so etwas wie politische Überzeugungen repräsentiert werden können (und dadurch erst entstehen) und Märkte sich selbst beobachten können (durch Publikation von Kursen, Preisen, unrealistischen Geschichten über Produkte und Dienstleistungen, vulgo Werbung usw.). Ohne medial verbreitete Literatur- und Musikkritik, medizinische und erzieherische Aufklärung wäre jener informierte Bürger nicht entstanden, dessen Inklusion in die Gesellschaft vor allem dadurch erfolgte, dass er mitreden kann – und all das noch entsprechend differenziert für ökonomische Klassen, Bildungs- und kulturelle Milieus. Die besondere Leistung der klassischen Massenmedien ist also eine Synchronisationsleistung.

Das macht die Modernität der Massenmedien aus, wenn man eines der ausgezeichneten Bezugsprobleme oder Charakteristika moderner Gesellschaften tatsächlich als das Synchronisationsproblem bezeichnen will.[1] Moderne Gesellschaften erscheinen deshalb so dynamisch und desintegriert, so wenig aus einem Guss und zugleich so unübersichtlich, weil sie eben nur aus partikularen Perspektiven erreichbar sind. Es macht einen Unterschied aus, ob man sich der Welt ökonomisch oder politisch nähert. Als wissenschaftliche Herausforderung sehen wir eine andere Welt als unter religiösen Aspekten. Und die rechtliche Regulierung von Normkonflikten unterscheidet sich bisweilen von moralischen Orientierungen, die ihrerseits differieren können und es auch tun. (…)

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Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Gab es 1968? Eine Spurensuche“.

[1]        Vgl. dazu Armin Nassehi: Die Zeit der Gesellschaft. Auf dem Weg zu einer soziologischen Theorie der Zeit. 2. Aufl., Wiesbaden 2008, S. 299 ff.

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