Armin Nassehi – Po:Pu:Lis:Mus

Fünf Motive über das Lügen

Ich schreibe dieses kleine Stück einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump – unter dem Eindruck seiner Inaugurationsrede, die fast so etwas wie didaktisches Material für das Verständnis des Populismus geliefert hat, nach einem Wahlkampf, in dem das Hauptargument des Protagonisten immer wieder der Vorwurf der Lügenhaftigkeit des Washingtoner Establishments war. Jemanden der Lüge zu bezichtigen, erlebt eine erstaunliche semantische Renaissance. Auch im deutschen Kontext hat kaum ein Vorwurf in der öffentlichen Debatte so viel Resonanz erzeugt wie der Vorwurf der »Lügenpresse«, der ja insinuiert, dass es hier nicht um unterschiedliche Einschätzungen oder unterschiedliche Beurteilungen der Lage geht.

Wer den anderen der Lüge zeiht, geht davon aus, dass er das, was er sagt, wider besseres Wissen, also wider die Wahrheit behauptet, die es nicht nur gibt, sondern die der Lügner auch kennen muss, um es zum Lügner bringen zu können. Wer behauptet, die Welt sei eine Scheibe, bevor ihre Kugelgestalt bewiesen wurde, lügt nicht. Derjenige, der um die Globalität der Welt weiß, kann aber – zu welchem Zweck auch immer – vielleicht den Seefahrer mithilfe einer Lüge einschüchtern, indem er ihm Angst macht, bloß nicht zu weit zu fahren, damit er nicht am Rande der Welt ins Nirgendwo stürzt. Das wäre dann eine Lüge. Niccolò Machiavelli hat bekanntlich solche strategischen Lügen als eine der wichtigsten Techniken der Staatskunst aufgeführt. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 189)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Deutschland. Ein Drehbuch (zusammen mit Peter Felixberger).

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