Armin Nassehi – Po:Pu:Lis:Mus

Fünf Motive über das Lügen   Ich schreibe dieses kleine Stück einen Tag nach der Amtseinführung von Donald Trump – unter dem Eindruck seiner Inaugurationsrede, die fast so etwas wie didaktisches Material für das Verständnis des Populismus geliefert hat, nach einem Wahlkampf, in dem das Hauptargument des Protagonisten immer wieder der Vorwurf der Lügenhaftigkeit des Washingtoner Establishments war. Jemanden der Lüge zu bezichtigen, erlebt eine erstaunliche semantische Renaissance. Auch im deutschen Kontext hat kaum ein Vorwurf in der öffentlichen Debatte so viel Resonanz erzeugt wie der Vorwurf der »Lügenpresse«, der ja insinuiert, dass es hier nicht um unterschiedliche Einschätzungen oder unterschiedliche Beurteilungen der Lage geht.

Wer den anderen der Lüge zeiht, geht davon aus, dass er das, was er sagt, wider besseres Wissen, also wider die Wahrheit behauptet, die es nicht nur gibt, sondern die der Lügner auch kennen muss, um es zum Lügner bringen zu können. Wer behauptet, die Welt sei eine Scheibe, bevor ihre Kugelgestalt bewiesen wurde, lügt nicht. Derjenige, der um die Globalität der Welt weiß, kann aber – zu welchem Zweck auch immer – vielleicht den Seefahrer mithilfe einer Lüge einschüchtern, indem er ihm Angst macht, bloß nicht zu weit zu fahren, damit er nicht am Rande der Welt ins Nirgendwo stürzt. Das wäre dann eine Lüge. Niccolò Machiavelli hat bekanntlich solche strategischen Lügen als eine der wichtigsten Techniken der Staatskunst aufgeführt. Ist Erfolg das Ziel einer Strategie, ist die Lüge ein durchaus probates Mittel für den Fürsten. Berufsmäßige Lügen sind gang und gäbe. Man kann weder Politik betreiben noch über Preise verhandeln, nicht einmal einen Gerichtsprozess führen noch ein guter Arzt sein, wenn man sein Tun stets daran orientiert, zwischen dem Meinen/Wissen und dem Sagen keinen Unterschied zu machen.

Das kann man moralisch verurteilen, und es gibt genügend Situationen, in denen die Lüge tatsächlich nicht nur unter utilitaristischen Gesichtspunkten zu Störungen führt, sondern auch moralische Verachtung attrahieren wird. Wer seinen (Ehe-)Partner anlügt, wer unter Freunden lügt oder wer Geschäftspartner hinters Licht führt, wird Verachtung auf sich ziehen. Wer es in bestimmten Situationen mit kalkulierten Unwahrheiten schafft, den besseren Deal zu machen oder damit auf diplomatischem Parkett Erfolg zu haben, wird aber womöglich als klug gefeiert. Und manches Kompliment macht einen womöglich besonders sympathisch, wenn die Abweichung zwischen Sagen und Meinen oder Sagen und Augenschein nicht zu eklatant ist.
Auch taktvolles Verhalten erzeugt eine Unehrlichkeit, die nicht nur verschmerzt werden kann, sondern sogar dazu beiträgt, dass alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. Die Lüge vorschnell zu verdammen, wäre vielleicht moralisch vorbildlich, aber wenig empirienah – zumal derjenige, der die Lüge vehement verdammt, zugleich vor sich selbst unsichtbar machen müsste, dass der strengen Forderung im Alltag nicht bis ins Letzte nachzukommen ist. Die ästhetisch angemessene Form, dies als Moralist unsichtbar zu machen, ist der Vortrag in angemessenem Tremolo. Über Lug und Trug nachzudenken, würde also wohl erfordern, über die Kontexte nachzudenken, unter denen etwas als Lüge erscheint und dann auch so benannt wird. Was mich gar nicht interessiert: ob all das, was das Label »Lüge« aufgedrückt bekommt, wirklich eine Lüge ist.
Ich möchte dazu fünf Motive vortragen.

Erstes Motiv: Sagen und Meinen

Dass wir lügen können, ist ein Vorteil, vielleicht ein evolutionärer Vorteil. Wohlgemerkt: Nicht öfter oder besser oder effektiver zu lügen wäre ein Vorteil, sondern dass wir es können, wenn wir wollen oder wenn uns nichts anderes übrig bleibt, ist ein Vorteil. Die Lüge ist nur möglich, weil es zwischen der psychischen Realität des Bewusstseins und der kommunikativen Realität des Sozialen eine unüberwindbare Grenze gibt. Um zu prüfen, ob mein Gegenüber auch meint, was es sagt oder eben nicht, kann ich nicht direkt auf sein Bewusstsein zugreifen, sondern mich entweder auf sein Sagen verlassen oder mit Indizien arbeiten. Unsere psychische Realität ist stets anders gebaut als die Kommunikationsprozesse, an denen wir beteiligt sind. So können wir manchmal entscheiden, ob wir dies oder jenes sagen wollen, was schon ein Hinweis darauf ist, dass wir das, was wir denken, auch zurückhalten oder etwas für die Situation strategisch Richtiges sagen könnten. Wir können zwar selbst überrascht werden von dem, was wir sagen, aber wir könnten kaum von dem, was der andere sagt, überrascht werden, wenn dessen Bewusstsein nicht die Fähigkeit hätte, zu wählen, was gesagt werden soll.

Das hört sich banal an, ist es aber nicht. Man stelle sich vor, was passieren würde, wären unsere Bewusstseine gleichgeschaltet oder von außen sichtbar. Man würde wahrscheinlich radikal neurotisch, weil man sich dann selbst denkerisch im Denken kontrollieren müsste. Diese Nähe zum neurotischen Zwang machen sich Polygrafen vulgo Lügendetektoren zunutze, um die physiologischen Reaktionen auf den Stress der Beobachtbarkeit des Inneren als Hinweis auf den Wahrheitsgehalt von Aussagen zu verwerten.[1] (…)
(weiterlesen im Kursbuch 189)

[1]   Matthias Gamer, Gerhard Vossel: »Psychophysiologische Aussagebeurteilung: Aktueller Stand und neuere Entwicklungen«, in: Zeitschrift für Neuropsychologie 20 (2009), S. 207–218.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Deutschland. Ein Drehbuch (zusammen mit Peter Felixberger).

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