Armin Nassehi – Political Correctness

Zwischen Orthofonie, Bullshit und sozialem Wandel.

Ach, es wäre so einfach, political correctness zu kritisieren, so einfach, in die Klage darüber einzustimmen, wie sehr sich Gebots- und Verbotsfuror breitmacht und die Freiheit korrumpiert. Dass dies zu einfach wäre, kann man auch daran erkennen, mit wem man dann in einem Boot säße – mit solchen, die frühestens dann liberal geworden sind, als man Frauen, Homosexuelle, Juden und die Pluralität unserer Gesellschaft vor denen aus dem Morgenland retten konnte. Diese Liberalität schützen sie vor allem damit, die kulturlinke Form der korrekten Sprechweise aufs Korn zu nehmen, die am Ende gar keine Unterschiede mehr macht, sondern sich vor allem von denen unterscheiden will, die unterscheiden: zwischen Männern und Frauen, Hiesigen und Fremden, Weißen und Schwarzen, Klugen und Dummen usw.

Und genau besehen: Die political correctness und ihre Kritik sind auch ein Sturm im Wasserglas – Vorurteile über eine angebliche diskurspolizeiliche Kulturpolitik und Meinungsdiktatur, die die Meinungsfreiheit und die Ausdrucksfähigkeit einschränkt. Es ist eher das Geschäftsmodell der Broders, Matusseks, Tichys, Kelles, Herles’ und wie sie alle heißen, ein Geschäftsmodell, das im Feld der Aufmerksamkeitsökonomie durchaus lohnend für diejenigen ist, die aus dem Pegel der Aufmerksamkeit verschwunden waren. Das ist das Schöne an einer marktorientierten Ökonomie, dass sie am Ende tatsächlich aus allem einen Mehrwert erzielen kann, wenn man es nur richtig anstellt. Vielleicht ist es Bullshit-Ökonomie.

Und doch: Ich gebe zu, ziemlich genervt zu sein. Wenn ich an mein universitäres Milieu denke, erfüllt dies tatsächlich viele der Vorurteile, die offensichtlich keine sind. Es gibt sogar Kollegen, die das Binnen-I stets und immer so laut sprechen, dass es nur noch die weibliche Form zu hören gibt. Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, mich so daran zu gewöhnen, dass es mir nicht mehr auffällt – und das ist es wohl auch, was damit bezweckt wird. Endlich kann das Private politisch sein – ohne hohe Kosten, aber mit dem nicht verhandelbaren Ernst derer, denen jegliche Distanz zu sich selbst fehlt. Man könnte ja die Universalisierung der weiblichen Form in der gesprochenen Sprache ironisch als ein Derrida’sches Verschiebungsspiel betreiben. Derrida hatte, um auf die Geschlossenheit der Zeichenverweisung hinzuweisen, das französische Wort différence mit einem a geschrieben, also différance – auf Deutsch etwa Differänz statt Differenz. Nicht um einen Fehler zu machen, sondern um darauf hinzuweisen, dass man nicht hören kann, was geschrieben steht.[1] Er hat auf die Paradoxie der Bezeichnung verwiesen, die Bezeichnetes und Bezeichnung als interne Unterscheidung behandelt, weswegen es nichts außerhalb der Bezeichnung geben kann, auch wenn die Bezeichnung auf etwas verweist, das außerhalb ihrer selbst liegt, aber eben ohne sie nicht gesehen, gehört, bezeichnet werden kann. (…)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft.

[1]    Jacques Derrida: »Die différance«, in: ders.: Randgänge der Philosophie. Graz/Wien 1988, S. 29–52.

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1 thought on “Armin Nassehi – Political Correctness

  1. Das menschliche Bedürfnis nach Orientierung ist so elementar wie das nach Essen und Trinken. Die – nicht nur sprachliche – Einteilung der sozialen Umwelt in Gruppen („an sich“, „für sich“, real oder fiktiv) bedient dieses Bedürfnis und wird auch bei „kognitiver Dissonanz“ durchgehalten. Es wird deshalb Zeit, die Gruppensoziologie in der Systemtheorie angemessen zu berücksichtigen. Ansätze gibt es ja.

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