Armin Nassehi – Gewalt als Normalfall

Warum der Frieden kalt bleiben muss   Wir leben in pazifizierten Räumen. Man muss den Begriffsgebrauch ge­nau beachten: Wir leben nicht in pazifischen Räumen – damit meine ich nicht, dass wir nicht in Kalifornien oder auf Tonga leben, sondern dass diese Räume nicht immer schon friedlich waren, sondern befriedet wurden beziehungsweise werden mussten. Befriedet werden muss nur das, was nicht per se und sui generis bereits pazifisch ist. Und die Pazifizierung geschieht nicht ein für alle Mal, sondern muss permanent bestätigt werden – am Ende wird dabei herauskommen, dass das ein Tun durch Unterlassen sein muss.

Äußerer Frieden, innerer Krieg?   Die politische Philosophie der Neuzeit beginnt mit dem Naturzustand, besser: Sie beginnt mit der Einsicht, dass die Abwesenheit einer die Ge­walt kontrollierenden Zentralinstanz die Menschen übereinander herfallen lassen würde. Thomas Hobbes schrieb im Leviathan von 1651: »Der alleinige Weg zur Errichtung einer […] allgemeinen Gewalt, die in der Lage ist, die Menschen vor dem Angriff Fremder und vor gegenseitigen Übergriffen zu schützen und ihnen dadurch Sicherheit zu verschaffen, daß sie sich durch eigenen Fleiß und von den Früchten der Erde ernähren und zufrieden leben können, liegt in der Übertragung ihrer gesamten Macht und Stärke auf einen Menschen oder eine Versammlung von Menschen, die ihre Einzelwillen durch ­Stimmenmehrheit auf einen Willen reduzieren können.«1

Der Angriff Fremder und gegen­seitige Übergriffe waren gewissermaßen der Ausgangspunkt dieses Den­kens – ob man das nun für eine anthropologische Aussage halten soll oder nur für den Ausdruck einer historischen Erfahrung, sei dahingestellt – ganz abgesehen davon, dass Anthropologien stets die jeweiligen historischen Erfahrungen auf den Begriff bringen. Jedenfalls beginnt die Reflexion über moderne Ordnungsvorstellungen ganz explizit mit dem grundlegenden Bezugsproblem, die Gewalt einzudämmen, die Men­schen dazu zu bringen, nicht übereinander herzufallen, sondern die Konfliktregulierung an Recht, Gesetz, Staat und eine Zentralmacht abzutreten und in dem dann verbleibenden Koordinationsraum auf andere Medien als Gewalt, insbesondere als unmittelbare körperliche Gewalt, zu setzen: ökonomische Regulierungen von Knappheit, vernünf­tige Argumente, Zusammengehörigkeitsgefühle und Solidaritäten, Eigeninteressen usw. Die Gesellschaft auf Anerkennungsverhältnisse zu bauen, setzt voraus, dass die Menschen aus freien Stücken auf gewaltsame Möglichkeiten verzichten.

Jean-Jacques Rousseau, auch an der Abgrenzung von einem gewaltnahen Naturzustand orientiert, setzt auf Einfältigkeit. Der Erste, schreibt er, der ein Stück Land eingezäunt habe und Leute fände, die einfältig genug seien, das eingezäunte Areal als fremden Besitz anzuerkennen, sei der wahre Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Hobbes’ Lösung besteht darin, das Gewaltmonopol des Staates stark zu machen, Rousseau setzt etwas romantischer an der Kollektivierung und Generalisierung des Willens zu einem großen Wir an, beide bauen aber letztlich auf Einsicht aus Eigeninteresse oder Wir-Willen. Einsicht ist deshalb wichtig, weil eben jener Gewaltmechanismus, der den Naturzustand ausmachen soll, andere Formen der Handlungskoordination kennt als Einsicht. Soziale Ordnung wandert also von Außenleitung zu Innenleitung. Die Menschen mussten beginnen, statt des äußeren Naturzustandes, der durch Staatlichkeit und soziale Kontrolle befriedet wer­den konnte, den inneren Naturzustand zu überwinden. Das nannte man dann Zivilisation.

Norbert Elias, derzeit kaum gelesener Soziologe, hat in seiner Zivilisationstheorie darauf hingewiesen, wie sich Soziogenese und Psycho­ge­nese zueinander verhalten: Er hat beschrieben, wie komplexer werdende Gesellschaften darauf angewiesen sind, einerseits die äußere Gewalt zu monopolisieren und dafür die innere zu individualisieren. Es lohnt sich, ihn direkt zu Wort kommen zu lassen: »Von den frühesten Zeiten der abendländischen Geschichte bis zur Gegenwart differenzieren sich die gesellschaftlichen Funktionen unter einem starken Konkurrenzdruck mehr und mehr. Je mehr sie sich differenzieren, desto größer wird die Zahl der Funktionen und damit der Menschen, von denen der Einzelne bei allen seinen Verrichtungen, bei den simpelsten und alltäglichsten ebenso, wie bei den komplizierteren und selteneren, beständig abhängt. Das Verhalten von immer mehr Menschen muß aufeinander abgestimmt, das Gewebe der Aktionen immer genauer und straffer durchorganisiert sein, damit die einzelne Handlung darin ihre gesellschaftliche Funktion erfüllt. Der Einzelne wird gezwungen, sein Verhalten immer differenzierter, immer gleichmäßiger und stabiler zu regulieren. Daß es sich dabei keineswegs nur um eine bewußte Regulierung handelt, ist schon hervorgehoben worden. Gerade dies ist charakteristisch für die Veränderung des psychischen Apparats im Zuge der Zivilisation, daß die differenziertere und stabi­lere Regelung des Verhaltens dem einzelnen Menschen von klein auf mehr und mehr als ein Automatismus angezüchtet wird, als Selbstzwang, dessen er sich nicht erwehren kann, selbst wenn sein Bewußtsein will.« Gesellschaftliche Komplexität, so könnte man es in eine modernere Theoriesprache übersetzen, erzwingt stärkere Selbstkontrolle.

Für Elias ist der Preis für den äußeren Verzicht auf Kontrolle die innere Kontrolle. Dabei spielen der Krieg und die körperliche Ausei­nandersetzung für ihn die entscheidende Rolle. Noch einmal in seinen eigenen Worten: »Die körperlichen Auseinandersetzungen, die Kriege und Fehden verringern sich, und was nur irgend an sie erinnert, selbst das Zerlegen toter Tiere und der Gebrauch des Messers bei Tisch, wird zurückgedrängt oder mindestens einer immer genaueren, gesellschaftlichen Regelung unterworfen. Aber der Kriegsschauplatz wird zugleich in gewissem Sinne nach innen verlegt.« (…)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Deutschland. Ein Drehbuch“ (zu­sam­men mit Peter Felixberger).

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