Armin Nassehi – Die große Weltveränderung

Eine Collage in sieben Bildern
Erstes Bild: Veränderung ist ein starker Imperativ.

Veränderung ist ein unvermeidlicher Imperativ, meist gepaart mit der Idee, dass die Veränderung auf Verbesserung gerichtet ist. Der Blick in die Vergangenheit verheißt eine bessere Zukunft, weil die Vergangenheit den Maßstab für die Veränderung liefert und damit auch Verheißungen fürs Zukünftige. Bildungsverläufe, Produktzyklen, Problemlösungen aller Art reagieren auf und erzeugen Veränderungen. Nichts soll bleiben, wie es ist, bisweilen auch darum, damit manches bleiben kann, wie es ist. Veränderung ist der Normalfall der Welt, den einen zu schnell, den anderen zu langsam, aber allen plausibel. Aber eben: unvermeidlich.

Zweites Bild: Die Vermeidung von Veränderung

Es ist sicher keine Übertreibung, zu behaupten, dass der größte Teil der Menschheitsgeschichte davon geprägt war, Veränderungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass die Dinge so bleiben, wie sie sind. Ohne dies hier systematisch zu entfalten, kann man etwa an Jan Assmanns Rekonstruktion der altägyptischen Gesellschaft denken. Selbstverständlich hat auch Altägypten Bewegung wahrgenommen, etwa die Bewegung der Sonne und der Gestirne ebenso wie die Bewegungen des Alltags und der weltlichen Ereignisse. Aber gerade in der rituellen Wiederholung der Bewegungen der Sonne im Sonnenkult wird letztlich eine stationäre Welt erzeugt, deren Perfektion darin besteht, dass Bewegung am Ende doch zur Permanenz hin strebt und, so Assmann, besonders in den Monumentalbauten dieser frühen Hochkultur zum Ausdruck kommt, als Verhältnis von »Stein und Zeit«.[1] Überhaupt haben die klassischen Hochkulturen sich mit großen metaphysischen Entwürfen der Permanenz gegen die physischen Plagen der Veränderung gewehrt.  (…)

(weiterlesen im Kursbuch 187)

[1] Vgl. Jan Assmann: »Stein und Zeit. Das ›monumentale‹ Gedächtnis der altägyptischen Kultur«. In: Jan Assmann, Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt am Main 1988, S. 97–114.

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“.

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