Armin Nassehi 
- Vertraute Fremde

Was wäre eigentlich, wenn wir uns gar nicht fremd wären? Was wäre, wenn wir einen unmittelbaren Zugang zueinander hätten? Was wäre, wenn uns das, was in anderen Köpfen vorgeht, wirklich transparent wäre? Wäre es nicht endlich das, wonach sich alle sehnen? Wäre das nicht die Art von Gemeinschaft, in der wir uns nicht nur authentisch zeigen müssten, sondern in der sich unsere Authentizität tatsächlich zeigt? Wäre es nicht die Erfüllung der Verheißung, dass wir auch für die Anderen wirklich die wären, die wir sind? Wäre es nicht das Ende aller Missverständnisse? Wäre damit nicht endlich die Voraussetzung für die Versöhnung zwischen den Menschen gegeben?

Nein, es wäre die Hölle! Es wäre die völlige Gleichschaltung der Menschen. Es wäre dies auch das Ende aller Innovation und Überraschung. Es wäre auch das Ende allen Denkens, denn damit eine solche Gesellschaft funktionieren könnte, müsste sie das, was in unseren Köpfen vorgeht, genauso einschränken wie das, was wir sagen. Es gehört zu den entscheidenden Sozialisationserfahrungen von Kindern, am eigenen Sprechen zu erfahren, dass es zwischen Sagen und Denken, zwischen Sagen und Meinen, zwischen Innen- und Außenwelt einen unüberbrückbaren Unterschied gibt. Man kann erst denken, wenn man mitdenkt, dass das Gedachte nicht zugleich gesagt ist, und man kann am Sagen mittesten, dass es gelingt, etwas anderes zu sagen, als man meint – und dass dieser Unterschied permanent mitgetestet werden muss, um sich zu positionieren, vor Eltern, Geschwistern, Spielkameraden, später in der Schule vor Lehrern, bei denen man vor allem lernt, dass es richtige Sätze gibt, die sich von denen, die im Kopf sonst so herumschwirren, unterscheiden.
Auch die Lüge ist eine evolutionäre Errungenschaft. Denn nur wo diese Differenz zwischen Sagen und Meinen oder Wissen mitläuft, kann ich den Anderen belügen. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Armin Nassehi, geb. 1960, ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuletzt erschien Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss.

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1 thought on “Armin Nassehi 
- Vertraute Fremde

  1. Zu „Vertraute Fremde“
    Die lautlose Nähe zu Menschen im täglichen mehr oder weniger nahen Kontakt kenne ich auch. Allerdings stelle ich seit Jahren fest, dass sehr häufig vollkommen fremde Menschen auf kleinste freundliche Gesten und Worte ebenfalls freundlich reagieren, auch wenn gar nicht der Anschein ersichtlich wird,dass eine Kontaktaufnahme versucht würde.
    Darüberhinaus pflege ich selbst mit gutem Erfolg den Gruß eines Menschen,der mir wiederholt auf regelmäßig genutzten Wegen begegnet. Erst erstaunt,aber dann freundlich mit Gegengruß, reagieren viele Menschen, obwohl wir uns absolut nicht kennen, aber die Gemeinsamkeit des gleichen Weges haben. Dies gilt jedoch eher für ältere Menschen meines Alters (66).
    Mit freundlichen Grüßen.

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