Angela Keppler – Das Fernsehen lebt!

Persistenz und Transformation eines Mediums

»Das Fernsehen« ist nicht mehr das, was es einmal war. Es besteht nicht länger aus einer überschaubaren Menge von Sendeanstalten, deren Programme auf immobilen, ausschließlich für den Fernsehempfang geeigneten Geräten – vorwiegend zu Hause – empfangen werden. Das Angebot, die Empfangsgeräte, die Erreichbarkeit der Sendungen und die Arten ihrer Nutzung haben sich im Zug der fortschreitenden Digitalisierung der Kommunikationsverhältnisse radikal verändert. In quantitativer und qualitativer, räumlicher und zeitlicher, interaktiver und partizipativer Hinsicht hat es eine erhebliche Diversifizierung und Erweiterung erfahren. Das Angebot ist unüberschaubar geworden, es kann auf Laptops und Smartphones fast überall empfangen werden, Mediatheken halten zahlreiche Sendungen auf Abruf bereit, wodurch sie unabhängig von fixen Programmlinien verfügbar werden. Zudem können die Anwahl und das Verfolgen von Sendungen mit Aktivitäten in den sozialen Medien verknüpft werden. Obwohl aber das Fernsehen durch die Konkurrenz neuer Medien seinen dominanten Status als primäre Instanz der Information und Unterhaltung vor allem bei dem jüngeren Publikum eingebüßt hat, hat es sich bislang als außerordentlich zählebig erwiesen. Die Persistenz dieser Institution und die Veränderungen, denen sie gegenwärtig unterliegt – beides gehört zusammen.

Mediale Lebensverhältnisse

Eine Soziologie des Fernsehens hatte es immer schon mit den durch es hervorgebrachten Veränderungen der kommunikativen Verhältnisse zu tun. Heute sind technische Kommunikationsmedien überall gegenwärtig. Diese Ubiquität ist gelegentlich so gedeutet worden, als erzeugten die medial produzierten Klänge, Bilder und Texte die Wirklichkeiten des modernen Lebens. Auch wenn das eine unhaltbare Übertreibung ist, so trifft es doch zu, dass diese Medien mit ihren Darbietungen unaufhörlich Verständnisse präsentieren und generieren, die unsere Kultur und Gesellschaft entscheidend modifizieren. Das Fernsehen ist ein Teil der gesellschaftlichen Realität, die es selbst prägt. Diese Wirklichkeit hängt entscheidend von ihrer Kommunizierbarkeit ab. Wie unter anderem Niklas Luhmann betont hat, erhält sich eine gemeinsame soziale Welt wesentlich über die Möglichkeiten anschlussfähiger Kommunikation. Die Wiedergabe und Weitergabe, die Ausformung und Umformung von Wissen und Orientierung sind gesellschaftsbildende Prozesse, in denen der technisch vermittelten Kommunikation eine stetig wachsende Bedeutung zukommt. Sie ist ein konstitutiver Bestandteil der heutigen Lebenswelt, ganz zu schweigen von ihrer Rolle in Ökonomie, Politik, Verwaltung und Wissenschaft. Deshalb lässt sich mit gutem Recht sagen, dass die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse mediale Lebensverhältnisse sind. (…)

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Angela Keppler, geb. 1954, ist Professorin für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Mannheim. Zuletzt erschien Die soziologische Film- und Fernsehanalyse. Eine Einführung (zusammen mit Anja Peltzer).

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