André Kieserling – Zettels Raum

Ordnungssystem, Gesprächspartner, externes BewusstseinFür Kursbuch 199 hat Armin Nassehi den Soziologen André Kieserling zum Interview über Niklas Luhmanns Zettelkasten getroffen. An der Universität Bielefeld startete 2019 das Forschungsprojekt zur Digitalisierung des Kastens, aber wofür steht er? Kann er seine Intelligenz auch für Leser oder Benutzer des Kastens offenbaren oder ist seine Funktion an den Menschen Niklas Luhmann gebunden? Worin offenbart sich der Intelligenzraum des Zettelkastens? Vielleicht gar darin, gesuchte Dinge nicht aufzufinden, aber dafür auf andere spannende Dinge zu stoßen? 

André Kieserling, geb. 1962, ist Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der Universität Bielefeld. Er leitet dort das Forschungsprojekt »Niklas Luhmann – Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses«. Zuletzt erschien Niklas Luhmann. Systemtheorie der Gesellschaft (zusammen mit Johannes Schmidt).

Textauszug

Kursbuch: Luhmanns Zettelkasten ist heute der Gegenstand eines Editionsprojekts an der Universität Bielefeld. Wie ist es dazu gekommen?

Kieserling: Nachdem Luhmann den Zettelkasten mehrfach zum stillen Co-Autor des eigenen Werkes stilisiert hatte, war das öffentliche Interesse an diesem Teil seines Nachlasses natürlich schon immer sehr groß. Aber die Forschung musste warten, da der Kasten zunächst einmal zum Gegenstand eines Rechtsstreits unter den Erben wurde. Die beiden Söhne, denen je ein Haus vermacht worden war, sahen in der Sammlung einen Teil des Mobiliars, ein Denkmöbel sozusagen, und reklamierten es für sich. Dem widersprach die Tochter, der Luhmann die Rechte an seinem wissenschaftlichen Werk zugesprochen hatte, und die den jahrelangen Prozess am Ende gewann. Weitere Jahre vergingen, bis die Universität Bielefeld den Kasten erworben hatte, und dann noch einmal weitere, ehe wir in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste einen Geldgeber für das ehrgeizige, auf 16 Jahre angelegte Projekt der Digitalisierung des Kastens und der Herausgabe des Textnachlasses gefunden hatten. Mit der eigentlichen Arbeit an der Erschließung der Notizen konnten wir daher erst vor einigen Jahren beginnen.