André Kieserling – Grenzschutz

Über die Lüge im außermoralischen Sinne – ein Gespräch

Nassehi: Wir wollen über die Lüge reden. Beginnen wir mit der Begriffsgeschichte, hängt die Latte recht hoch. Schon bei Augustinus gibt es die strikte Forderung, dass man auf gar keinen Fall lügen darf und auf jeden Fall die Wahrheit zu sagen habe, Thomas von Aquin spricht ganz ähnlich, bei Kant gibt es auch einen Rigorismus, wobei er Wahrheit und Wahrhaftigkeit allzu identisch setzt. Die Argumentationsstruktur bei Augustinus ist fast eine wie bei Habermas, die eigentliche Funktion der Sprache sei, dass wir uns die Wahrheit sagen, authentisch sein können, woraus sich ein Postulat für einen lügenfreien Sprachgebrauch ableiten lasse. Nietzsche markiert wie so oft einen Paradigmenwechsel. Für ihn hat jeder klare Begriff schon eine bestimmte Form von Unschärfe, sodass zwischen Wahrheit und Lüge nicht eindeutig unterschieden werden könne. Meine erste Frage: Setzt die Rede von der Lüge nicht schon einen sehr starken Begriff von Wahrheit voraus?

Kieserling: Nietzsches Text Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne stellt ja seine Erkenntnistheorie über die Notwendigkeit von Fiktionen vor. »Außermoralisch« heißt also, dass er zwischen der Alltagsfrage, ob jemand auch in schwierigen Lagen aufrichtig ist und dafür Achtung verdient, und den im engeren Sinne wahrheitsbezogenen oder epistemologischen Fragen unterscheiden kann – und dass nur diese zweite Gruppe von Fragen ihn an dieser Stelle überhaupt interessiert. Vielleicht sollten wir in diesem Sinne, so wie es bei dir auch schon anklingt, zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit unterscheiden.  (…)

(weiterlesen im Kursbuch 189)

André Kieserling, geb. 1962, ist Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Zuletzt erschien Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung.

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