Alfred Hackensberger – Tanger

Erst gestern wieder eine dieser idiotischen Diskussionen mitgemacht – Tanger, Tanger an und für sich und überhaupt. Wie üblich war sie von Leuten angezettelt, die nur auf Zeit hier sind und danach einfach wieder verschwinden. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie für eine Woche oder fünf Jahre bleiben – es ist das stets gleiche, fast zwanghaft zu nennende Phänomen. Tanger muss irgendwie handlich eingetütet werden, um es mit ins Reisegepäck zu nehmen. Wie ein Souvenir oder eine Jagdtrophäe. Zu Hause lehnen sich dann die »Tanger-Connaisseurs« selbstgefällig zurück und geben sich kosmopolitisch kritisch: »Nee, nee von diesem mythischen Brimborium der nordmarokkanischen Hafenstadt habe ich mich nicht einlullen lassen. Tanger mag ja ganz hübsch sein, dort lebt es sich auch nicht schlecht, aber vom Flair alter Tage, der internationalen Zone und den wilden 60er- und 70er-Jahren ist nichts mehr übrig. Da kann mir keiner was erzählen.«

So schien es auch gestern, als Paula und Juan loslegten, die nach sechs Jahren zurück nach Spanien in ihr normales Leben müssen. Laut und entrüstet beklagten sie, dass es keine Schriftsteller mehr in Tanger gebe, keine Literaturszene, keine Intellektuellen wie früher einmal. Der legendäre marokkanische Autor Mohamed Choukri und der über Jahrzehnte in Tanger ansässige US-Novellist und -Komponist Paul Bowles – alle tot! Ganz zu schweigen von den aufregenden Partys, Trinkgelagen, Sexabenteuern, den Schmugglern, Kriminellen und den Schönen und Reichen der Hautevolee, die sich auf der afrikanischen Seite der Straße von Gibraltar die Klinke in die Hand gaben. Nichts mehr! Und dann noch eine ganz besondere Klatsche: von wegen Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Religionen. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 190)

Alfred Hackensberger, geb. 1959, ist Journalist und Autor. Er lebt in Tanger und arbeitet unter anderem als Korrespondent für die Welt. Zuletzt erschien „Letzte Tage in Beirut“.

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