Alfred Hackensberger 
- Hidschra oder die Auswanderung in die Fremde

Der Zettel sorgte für Schlagzeilen. Mit schwarzem Kuli hatte jemand »Große Brüste«, »Ich will fucken«, »Ich will töte dich küssen« und andere Unappetitlichkeiten, nebst arabischer Übersetzung, auf ein gelbes Blatt gekritzelt. Es sollen die Richtlinien eines jungen Marokkaners für die große Silvestersause vor dem Kölner Dom gewesen sein. Er war einer von vielen, die sich zum Neujahrswechsel massenhaft an Frauen vergriffen. Dieser gelbe Zettel erinnerte mich spontan an den »Korb voller Eier«, den ein junger Italiener aus Neapel mit in den Zug nach Deutschland nahm. Er wollte die Fahrtzeit nutzen, um sich mit dem Verzehr »energetisch« auf das deutsche Sextraumland vorzubereiten. »Die ficken doch alle auf der Straße«, glaubte der junge Mann aus Italien und wollte sichergehen, dass er lange genug »standhaft« bliebe.

Nun gut, diese Anekdote liegt drei Jahrzehnte zurück, war aber damals schon, im Europa der 1980er-Jahre, völlig anachronistisch. Nicht anders, als es die Vorfälle von Köln an Silvester waren. Die Täter aus Marokko, Tunesien und Algerien hatten ähnliche Klischeevorstellungen über die Fremde im Kopf wie damals der Neapolitaner. Nur mit dem großen Unterschied, dass sie mit Gewalt ihre Sexfantasien umzusetzen versuchten – er nicht. Der 23-Jährige war bitter enttäuscht und sprach drei Tage lang fast kein Wort mehr, nachdem er in Deutschland desillusioniert feststellen musste: »Niemand fickt auf der Straße.« Er hatte sich auf dümmste Weise etwas vorgemacht.

Einige der verdächtigen Nordafrikaner sind Asylbewerber. Dabei gibt es in ihren Heimatländern in der Regel keinen Anlass zur Flucht. Sie sind Wirtschaftsimmigranten, die die Gelegenheit offener europäischer Grenzen beim Schopfe packten und sich unter die Flüchtlingsströme der neuen Völkerwanderung von Ost nach West mischten. Auf Arabisch heißt Auswanderung Hidschra. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Alfred Hackensberger, geb. 1959, ist Journalist und Autor. Er lebt in Tanger und arbeitet unter anderem als Korrespondent für die Welt. Zuletzt erschien Letzte Tage in Beirut.

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