Alexander Gutzmer – Grenzübergang

Die Frontera als Medium zwischen den USA und Mexiko

Alles beginnt mit der Sprache. Kein Ding sei, wo das Wort gebricht, schrieb Stefan George einmal. Kein Ort ist, wo das Wort gebricht, könnte man Georges Gedanken erweitern. Und damit wäre man direkt bei dem »Ort«, um den es hier geht – der Grenze zwischen Mexiko und den USA, der Frontera. Denn diese hat ihre eigene Sprache. Es gibt sie, die Terminologien, die nur hier verwendet werden oder die hier etwas anderes bedeuten als im Norden der USA, in New York oder in Mexiko-Stadt.

Ein »Ort« im gängigen Verständnis des Begriffes ist die Frontera natürlich nicht. Sie hat kein Zentrum, sondern ist nur von linearer Ausdehnung – 3144 Kilometer, um genau zu sein. Ihrem Wesen nach ist sie zunächst ein künstlicher Bruch zwischen Orten. Und zugleich ein Systembruch. Eine Demarkationslinie zwischen zwei Ländern respektive Kulturkreisen respektive Weltsystemen. Und eine eigene Sprache? Die hat sie natürlich im offiziellen Sinne auch nicht. Man lehrt an Schulen kein »Grenzisch«. Aber – die Frontera wirkt sprachproduktiv. Sie bringt ihr eigenes Sprachverständnis hervor. Hier werden distinkte Terminologien gepflegt. »A border vocabulary has grown up on both sides«, schreibt der Schriftsteller Paul Theroux in einem Essay über eine Reise entlang der Grenze.[1] Und insofern ist die Grenze vielleicht eben doch ein »Ort«, etwas räumlich Reales. Und etwas, das sich lohnt, intensiver betrachtet zu werden.

Im Grunde sind Grenzen tragische Erscheinungen. Sie wollen klären, kontrollieren, Komplexität reduzieren – und scheitern damit dramatisch. Denn heutzutage sind Grenzen porös und vielschichtig, werden aufgeweicht, neu gezogen, interpretiert, unterminiert oder auch einfach ignoriert. Ihrer Funktion als Verhinderer von Komplexität kommen sie nur noch rudimentär nach.

Für kaum eine Grenze gilt dies in stärkerem Maße als für jene zwischen den USA und Mexiko. Sie repräsentiert in gewisser Hinsicht die ultimative Komplexität einer Grenze schlechthin. Sie stellt den Inbegriff vom Prinzip Grenze dar, ist schlicht La Frontera, wie sie von Künstlern, Fotografen, Journalisten, Migranten in einer Mischung aus Faszination, Respekt und Angst genannt wird.[2] Ihre Vielschichtigkeit bildet einen fundamentalen Gegensatz zu den irritierend einfachen Versprechen von US-Präsident Donald Trump, zu jenem, eine gigantische Betonmauer zwischen Mexiko und den USA zu errichten. (…)

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oder in Alexander Gutzmer „Die Grenze aller Grenzen. Inszenierung und Alltag zwischen den USA und Mexiko“. kursbuch.edition, Hamburg 2018

Alexander Gutzmer, geb. 1974, ist Professor für Medien und Kommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin und Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister. Zuletzt erschien „Die Grenze aller Grenzen. Inszenierung und Alltag zwischen den USA und Mexiko“ (in der kursbuch.edtion).

[1]        Paul Theroux: »Myth and Reason on the Mexican Border«, in: Smithsonian Magazine vom 21.09.2016, gelesen am 11.11.2017 unter: <https://www.smithsonianmag.com/travel/myth-reason-mexican-border-180960357/>

[2]        Stefan Falke: La Frontera. Die mexikanisch-US-amerikanische Grenze und ihre Künstler. Frankfurt am Main 2014.

 

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