Alexander Gutzmer – Donald Trump hasst Städte

Über die kreative Uneindeutigkeit im städtischen Raum

Wenn Städte gesellschaftliche Experimentierfelder sind, dann liegt eines der spannendsten in einer Region, in der man kulturelles Neudenkertum eher nicht vermuten würde: in Texas. Die dortige 930 000-Einwohner-Stadt Austin ist ein urbanes Kraftwerk von außergewöhnlicher Dichte. Sie birst vor Kreativen und Selbsterfindern aller Couleur. Das Erfolgs-Start-up Dropbox hat hier sein zweites Zuhause. Der Claim »Keep … weird«, mit dem sich momentan viele amerikanische Städte als quirliges Gegenstück zur neuen reaktionären Tristesse positionieren, hat in Austin seinen Ursprung.[1]

Der Innovationscharakter Austins hat nicht zuletzt mit einem omnikulturellen Ideenfestival zu tun, das sich hier jedes Jahr im Frühling abspielt. Seit 1987 pilgern immer im März Kreative unterschiedlichster Fakultäten zum »South by Southwest« (SXSW), zeigen Installationen oder Filme, tauschen sich über Innovationen und Geschäftsmodelle aus. Und verhandeln so, ohne den Weltrettergestus anderer Großkongresse, indirekt nichts weniger als die Zukunft der Globalgesellschaft.

SXSW hat mal als Festival für neue Musik begonnen. Dann kamen weitere Kreativdisziplinen wie Tanz oder Film hinzu. Schließlich inkludierte das Megaevent auch Design, Digitalisierung und Marketing. Und diese Themen werden nicht in einem antiurbanen, klimatisiert abgekapselten Tagungsumfeld verhandelt. Die aus aller Welt anreisenden Digitalnomaden fallen gleichsam über die Stadt her, okkupieren sämtliche sich bietenden Locations, von ranzigen Pubs bis zu alten Lagerhallen. (…)

[1] Joshua Long: Weird City. Sense of Place and Creative Resistance in Austin. Texas 2010.

(weiterlesen im Kursbuch 190)

Alexander Gutzmer, geb. 1974, ist Professor für Medien und Kommunikation an der Quadriga Hochschule Berlin und Chefredakteur des Architekturmagazins Baumeister. Zuletzt erschien „Urban Innovation Networks. Understanding the City as a Strategic Resource“.

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