Alan Posener 
- Der Jude als Fremder

In seinem Bestseller »Mein Kampf« beschreibt Adolf Hitler, wie er zum Antisemiten wurde. In seiner Jugend, so Hitler, habe er keine judenfeindlichen Neigungen verspürt: »Linz besaß nur sehr wenig Juden. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich ihr Äußeres europäisiert und war menschlich geworden; ja, ich hielt sie sogar für Deutsche.« Diese Haltung sei bestärkt worden durch den fortschrittlichen Beamtenvater. In Wien jedoch geht dem jungen Mann ein Licht auf: »Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, umso mehr wandelte sich in meinem Gehirn die erste Frage zu einer anderen Frage: Ist dies auch ein Deutscher?« (…)

Man könne das Fremde nicht akzeptieren, wenn man das Eigene nicht liebe, heißt es apologetisch bei Anhängern einer »selbstbewussten Nation« oder einer »deutschen Leitkultur«. Jedoch sind das Fremde und das Eigene reine Konstrukte. Der Hass auf das Fremde ist ja nirgends stärker als dort, wo die Unterschiede von außen kaum sichtbar sind, man denke etwa an Protestanten und Katholiken in Nordirland; am tiefsten und unversöhnlichsten natürlich innerhalb der Familie. So bleibt die Aufforderung zur Selbstliebe eine Nötigung zur Identifikation mit einem künstlichen Kollektiv, die sich nur als Hass auf das vermeintlich Fremde realisieren kann.

Das Paradebeispiel für diese Nötigung – als Selbstnötigung – ist Ernst Lissauer, einst gefeierter, heute vergessener Dichter des »Hassgesangs gegen England«. Das Gedicht erschien 1914 und »fiel wie eine Bombe in ein Munitionsdepot«, wie Stefan Zweig in seinen Memoiren schrieb: »Nie vielleicht hat ein Gedicht in Deutschland, selbst die ›Wacht am Rhein‹ nicht, so rasch die Runde gemacht […]. Der Kaiser war begeistert und verlieh Lissauer den Roten Adlerorden, man druckte das Gedicht in allen Zeitungen nach, die Lehrer lasen es den Kindern vor, die Offiziere traten vor die Front und rezitierten es den Soldaten […]; unter den siebzig Millionen Deutschen gab es bald keinen einzigen Menschen mehr, der den ›Haßgesang gegen England‹ nicht von der ersten bis zur letzten Zeile kannte.« (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Alan Posener, geb. 1949, ist Korrespondent für Politik und Gesellschaft der Welt-Gruppe. Zuletzt erschien die Biografie „John F. Kennedy“.

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