Aladin El-Mafaalani – Jung. Muslimisch. Radikal.

Neue Spannungsfelder und Ambivalenzen bei muslimischen Jugendlichen

Der Islam und die Muslime stehen seit vielen Jahren im Mittelpunkt öffentlich ausgetragener Kontroversen, bei denen es in der Regel um den Zusammenhang von Religion, Politik und Gewalt geht. Exemplarisch hierfür steht der wissenschaftliche Diskurs in Frankreich mit der These der Radikalisierung des Islams  auf der einen Seite und der Islamisierung der Radikalität  auf der anderen. Die Tatsache, dass beide entgegengesetzten Thesen eine gewisse Plausibilität aufweisen, wodurch sich die Kontroverse nur verstärkt, legt es nahe, nicht von einem von Kausalitäten bestimmten Entweder-oder, sondern von komplexeren Prinzipien auszugehen. Vielmehr erscheint die Analyse von Spannungsfeldern und Wechselwirkungen zum Verständnis der Gemengelage überzeugender. 

Spannungsfelder lassen sich unzählige rekonstruieren. Besonders relevant sind solche Widersprüchlichkeiten, denen sich Betroffene – hier: muslimische Jugendliche – kaum entziehen können, deren Wirksamkeit sich dadurch ausdrückt, dass sie keinen Spielraum des Ignorierens ermöglichen, sich Muslime also auf die eine oder andere Weise zu ihnen verhalten müssen. Im Folgenden werden vier Spannungsfelder skizziert, die für (in Deutschland lebende) muslimische Jugendliche im Allgemeinen, aber auch für die von der Anziehungskraft salafistischer Gruppen beeinflussten Jugendlichen im Besonderen eine Rolle spielen.

Überlegenheit versus Schwäche

Der Islam ist derzeit offensichtlich anfällig für die Extreme: Es lässt sich sowohl eine starke Radikalisierung von Muslimen erkennen, die aus der Überidentifikation mit ihrer Religion resultiert, sowie eine Tendenz zur Entfremdung und Abwendung der Menschen von ihren religiösen Wurzeln. Diese Extreme, Überbetonung und Bedeutungsverlust der Religion, lassen sich auf verschiedene Konfliktlagen zurückführen, im Hinblick auf junge Muslime spielt darunter eine besondere Rolle, dass es sich bei ihrer Religion der Überlieferung nach um die letzte Botschaft Gottes handelt. (…)

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Aladin El-Mafaalani, geb. 1978, ist Soziologe und Politikwissenschaftler sowie Abteilungsleiter im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Düsseldorf. Zuletzt erschien „Das Integrationsparadox. Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt“.