Adrian Lobe – Neue Heimat Internet

Während Internetpioniere und Digital Natives das Word Wide Web als grenzenloses Konzept der Heimat feiern, traut sich der Journalist Adrian Lobe in Kursbuch 198 die Gegenthese zu formulieren: Die Vorstellung des Internets als Ort, das keine Fremden mehr kennt, ist gerade die Ursache des Gefühls der Heimatlosigkeit, an dem heute – vor allem junge – Menschen leiden. Das „Überall-zu-Hause“ wird gleichsam zum „Nirgendwo-zu-Hause“.

Adrian Lobe, geb. 1988, ist Politikwissenschaftler und freier Journalist. Im September 2019 erscheint Speichern und Strafen. Die Gesellschaft im Datengefängnis.


Textauszug

In der Mitte der 1990er-­Jahre war im Grundrauschen der Modems, die in Wohnzimmern und Büroräumen installiert waren, ein Revolutionsknistern zu vernehmen. Der Siegeszug des World Wide Web würde die Demokratisierung beschleunigen, er würde autoritäre Herrscher hin­wegfegen, tradierte Institutionen überflüssig machen, Machenschaften ans grelle Licht der Öffentlichkeit zerren. In dieser Aufbruchsstimmung verfasste der Internetpionier John Perry Barlow im Jahr 1996 seine be­rühmte »Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace«: »Regierungen der industriellen Welt«, hob er darin an, »Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat [eigene Hervorhebung] des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Ver­treter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr.«1 Das Dokument war als Reaktion auf den einige Wochen zuvor vom damaligen US­-Präsidenten Bill Clinton unterzeichneten Telecommuni­cations Act verfasst worden, mit dem eine weitgehende Liberalisierung des Telekommunikationsnetzes bewirkt werden sollte. Barlow erblickte in dem Gesetz eine Zensurmaschine, die das freie Internet bedroht.

Das Gründungsdokument des freien Internets ist aus rezeptionsge­schichtlicher Perspektive vor allem deshalb interessant, weil Barlow einen neuen Heimatbegriff definiert: »die Heimat des Geistes«. Der Autor spricht von der »neuen« Heimat, was impliziert, dass es eine alte Heimat des Geistes gibt und der Geist zumindest vorübergehend heimat­los geworden ist. […]