Albert Scherr: Abschiebungen

Wer als ethnografisch forschender Soziologe Roma-Siedlungen im Kosovo und in Serbien besucht, macht eine erstaunliche Erfahrung: Es gibt keinerlei sprachliche Verständigungsprobleme. Denn in diesen informellen Siedlungen, von denen einige den Slums aus dem globalen Süden ähneln, die wir alle aus den Medien kennen, gibt es zahlreiche Menschen, die Deutsch sprechen. Es handelt sich dabei um Abgeschobene. Sie kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, haben hier einige Jahre gelebt, als Kinder und Jugendliche deutsche Schulen besucht und finden sich nunmehr in einer durch Armut und Diskriminierung geprägten Elendssituation vor. Die Anwesenheit eines Deutschen erregt Aufmerksamkeit, und sehr bald wird man gebeten, sich die deutschen Abschiebedokumente anzuschauen und eine Antwort auf die Frage zu geben, ob es eine Chance auf Rückkehr nach Deutschland gibt.

In besonderer Weise im Wortsinn »verrückt« ist die Situation derjenigen Kosovo-Albaner, kosovarischen, montenegrinischen und serbischen Roma, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, aber nach langjährigem Schulbesuch mit ihren Familien abgeschoben wurden: Zur Armut und Diskriminierung kommt für sie die Herausforderung dazu, sich auf eine Gesellschaft und Kultur einzustellen, deren Standards in den Bereichen Bildung, Gesundheitsfürsorge, Sozialhilfe und Wohnen weit unter den in Deutschland üblichen liegen, in der Korruption ebenso verbreitet ist wie traditionelle patriarchalische Strukturen. (…)

(Weiterlesen im Kursbuch 183)

Albert Scherr, geb. 1958, ist Professor für Soziologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und Vorstandsmitglied im Komitee für Grundrechte und Demokratie. Zuletzt erschien Diskriminierung. Wie Unterschiede und Ungleichheiten gesellschaftlich hergestellt werden.

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