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Kursbuch 170 – Editorial

Editorial von Armin Nassehi und Peter Felixberger    Das neue Kursbuch wird – ganz im Sinne einer Wahrnehmungsrevolution – ein Forum für die Perspektivendifferenz sein. Dies meint nicht die Differenz von Meinungen und Auffassungen, sondern die Differenz unterschiedlicher Denkungsarten und Logiken, welche die Dynamik unserer Gesellschaft ausmachen. Deshalb ist unser Anspruch eindeutig: Das neue Kursbuch wird politische und ökonomische Perspektiven, kulturelle, religiöse und künstlerische, natur- und geistes- wissenschaftliche Perspektiven aufeinander beziehen. Es wird nicht auf schnelle Versöhnung setzen, sondern braucht Leserinnen und Leser sowie Autorinnen und Autoren, die diese Differenzen und Wider- sprüche aushalten. Es geht um Übersetzungsleistungen. Wer aus politischer Perspektive nichts um die Restriktionen des Ökonomischen weiß und umgekehrt, wer nicht weiß, welche Probleme Wissenschaft lösen kann und welche nicht, wer nicht versteht, warum Bildung und Politik langsamer sind als die Wirtschaft, und wer nicht versteht, dass sich Wirtschaftliches am Ende immer wirtschaftlich rechnen muss, sei es auch moralisch oder politisch anders wünschenswert, kann im Diskurs nur naiv für eindeutige Lösungen streiten.

Das neue Kursbuch wird deshalb auf der Suche nach einem neuen Typus von Intellektuellen sein. Die neue Intellektualität des neuen Kursbuchs wird eine Intellektualität sein, die sich auf die Perspektivendifferenz der modernen Gesellschaft einlässt. Sie wird nicht versuchen, die Differenzen einer Gesellschaft der Gegenwarten zu heilen; sie empfindet diese Differenzen weder als Chance noch als Defekt, sondern als schlichte Realität der Moderne – ob wir wollen oder nicht. Insofern ist Perspektivendifferenz auch kein Programm, keine Heilsidee, keine Zauberformel, sondern ein empirischer Fall, mit dem gerechnet werden muss.

Es geht uns um ein Denken, das nicht elitär immer schon weiß, was zu tun ist. Es geht um Formen des Denkens, die in der Lage sind, sich darauf einzulassen, die entscheidenden Fragen gerade aus der Perspektive anderer, konkurrierender Logiken zu verstehen. Das neue Kursbuch wird deshalb Autoren miteinander konfrontieren, die wissenschaftliche, politische, kulturelle, künstlerische, religiöse, rechtliche Perspektiven auf den gleichen Gegenstand richten – und auch wirtschaftliche Perspektiven. Das muss für den Fall des Wirtschaftlichen deshalb besonders betont werden, weil es bis heute eben nicht im Kanon intellektueller Debatten vorkam – allenfalls als Gegenstand von Analysen und Vorurteilen, oftmals ohne wirklichen ökonomischen Sachverstand, nicht aber als Diskurspartner auf gleicher Augenhöhe. Das dürfte auch an der Qualität der akademischen Ökonomie liegen.

Was sie in der gegenwärtigen Krise erlebt, ist das, was Sieger stets erleben: Sie fangen an, darunter zu leiden, dass der Sieger nicht über die eigenen Grenzen schauen muss, weil er vermeintlich keinen Reflexionsbedarf hat. Und Sieger waren die ökonomischen Reflexionstheorien bis vor Kurzem, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass die selbst erzeugten Welten des grenzenlosen Risikomanagements tatsächlich nur an selbst gemachten Sicherheiten hingen. Wie all diejenigen es immer schon gewusst haben, die noch vor Kurzem alle Kritik als zaudernde Risikovermeidung gebrandmarkt haben. Es ist exakt jenes Siegersyndrom: es zu genau gewusst zu haben. In Hegels Herr-Knecht-Dialektik kann man das schön nachlesen. Der Herr hat das Nachsehen, weil er gar nicht wissen kann, was der Knecht wissen muss, um den Herrn einen Herrn sein zu lassen. Wenn diese Konstellation zerbricht, bleibt dem Herrn nichts anderes übrig, als zu lernen – was letztlich nicht vorgesehen war.

Vielleicht wird an diesen Andeutungen schon sichtbar, worum es uns auch geht. Das neue Kursbuch wird demonstrieren, wie sehr unsere Diagnosen und analytischen Perspektiven durch sich selbst, durch ihre Perspektiven und Gewohnheiten limitiert sind. Wenn man das weiß, drehen sich Diagnosen womöglich um, werden Selbstverständlichkeiten brüchig und tauchen neue Strategien auf.

Plötzlich tragen Krisen zum Fortschritt bei, sorgt Optimierung für Zerstörung und funktioniert gutes Leben nur auf Kosten anderer. Krisen sind dann nicht mehr nur negativ, Optimierung und gutes Leben nicht mehr nur positiv konnotiert – das sind übrigens die drei ersten Themen des neuen Kursbuchs: Krisen lieben (Kursbuch 170), Optimieren (Kursbuch 171) und Gut leben (Kursbuch 172).

Schon kleine Verschiebungen unserer Kategorien erzeugen Lernprozesse. Ist das größte Potenzial für Entscheidungen nicht eher Nicht-Wissen als Wissen? Ist Wissen stets die Lösung oder bisweilen auch das Problem? Lebt Demokratie nicht von der Limitierung von Partizipation? Und ist die Langsamkeit politischer Entscheidungen nicht doch ein Potenzial, das gegen die Geschwindigkeitserpressung durch ökonomisch so eindeutig wirkende Sachzwänge durchgesetzt werden muss? Stabilisieren Reformen womöglich das, was da reformiert wird?

Das neue Kursbuch jedenfalls will der Ort sein, an dem solche Experimente möglich sind. Und es will der Ort sein, an dem solche Fragen zwar mit analytischer Schärfe, auch mit akademischer Gelehrsamkeit und ohne die üblichen Vereinfachungen behandelt werden. Aber es begnügt sich nicht damit, subtiler gefragt, cooler beobachtet, paradoxer hergeleitet zu haben. Das neue Kursbuch wird sich nicht damit begnügen, mit der Geste der dekonstruktiven Überlegenheit so zu tun, als reiche ein distanzierter Blick. Es geht um etwas! Es geht dabei auch um uns selbst. Denn auch der distanzierteste Blick ist Teil des Spiels, ist Teil des Diagnostizierten, ist Teil des Gegenstandes, den er erblickt. Was hier geschieht, soll Konsequenzen haben – nur ist nicht einmal wirklich ausgemacht, was Konsequenzen sind.

Das neue Kursbuch: ein Forum der Perspektivendifferenz
Ein Auszug aus dem Editorial von Armin Nassehi und Peter Felixberger zum Start des Kursbuchs 170 im Murmann Verlag
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